Die nicht gehaltene Landsgemeinderede
Die Landsgemeinde 2020 findet aufgrund des Coronavirus nicht statt. Der abtretende Landamman Andrea Bettiga hält seine Rede trotzdem – auf der Webseite des Kanton Glarus. Das hätte Bettiga den Glarnerinnen und Glarnern an der Landsgemeinde gesagt:
Hochvertraute, liebe Mitlandleute
Es ist Landsgemeinde-Sonntag! Aber wir sind heute nicht unter freiem Himmel versammelt, um miteinander als Glarnerinnen und Glarner zu raten, zu mindern und zu mehren. Vieles ist in diesem Jahr anders – so auch, dass ich mich in virtueller Form an Sie wenden muss.
Der Grund liegt in einem kleinen Virus, das uns seit dem März fest in seinen Fängen hält und unser politisches, wirtschaftliches und kulturelles Leben knebelt. In kaum vorstellbarem Ausmass schränkt es unsere persönlichen Freiheiten ein.
Im Jahr 2019 habe ich die Landsgemeinde mit folgenden Worten eröffnet: «Es scheint mir manchmal so, als sei die Welt etwas aus den Fugen geraten. Sie ist schnelllebig und komplex. Die Gesellschaft kommt nicht zur Ruhe. Es wirkt, als ob die Welt nach ihrem verloren gegangenen Gleichgewicht sucht.»
Die Corona-Pandemie verstärkt nun diesen Prozess in ungeahnter Art und Weise. Das COVID-19-Virus beflügelt die menschliche Vorstellungskraft. Es sind goldene Zeiten für Fabulierer und Fantasten, leider aber auch für Angstmacher und krude Denkmodelle. In Krisenzeiten haben Verschwörungstheoretiker, Untergangspropheten und mit vermeintlichem Überwissen ausgestattete «Weltentschlüssler» immer Hochkonjunktur. Wir werden derzeit überschwemmt mit widersprüchlichen und teils absurden Informationen zur Pandemie, die niemand einordnen kann.
Gemäss der Weltgesundheitsorganisation WHO kämpfen wir nicht nur gegen eine Epidemie, sondern auch gegen eine Infodemie. Fake News verbreiten sich schneller als dieses Virus, sind aber umso gefährlicher. Die Behörden, aber auch die Medien wären aufgerufen, zu informieren, ohne Hysterie zu verbreiten. Leider sieht die Realität oft anders aus: Manche Gesundheitsbehörden irritieren mit Widersprüchen, gewisse Medien und obskure Foren schüren die Angst in uns – vom frühen Morgen bis spät in die Nacht.