Die Kultur der Jenischen: Da, wo das Herz ist
von Karolina Sarre
Elvis Kollegger sitzt auf seiner Terrasse und lässt den Blick über sein Eigenheim schweifen. Er wohnt in einem selbst gebauten Haus in Cazis. Elvis Kollegger ist ein Jenischer aus Graubünden mit einer aussergewöhnlichen Lebensgeschichte.
Die Jenischen sind ein hiesiges Traditionsvolk, das sich historisch meist durch eine reisende und nicht-sesshafte Lebensweise auszeichnet. Sie sind eine Minderheit, die nur in der Schweiz als solche anerkannt ist. Ihre Lebensweise, ihre Sprache und ihre Kultur werden seit jeher marginalisiert. Heute sind Jenische kaum noch als «Fahrende» zu bezeichnen, weil sie seitens der Behörden häufig dazu gezwungen wurden, semi-nomadisch oder sesshaft zu werden. Manche Jenische hingegen waren schon immer an einem Ort verwurzelt und reisten nie.
Ich hab alles da»Elvis Kollegger
Vor Kurzem feiert Elvis Kollegger seinen 60. Geburtstag auf seiner Terrasse, dazu lädt er Menschen ein, die ihn teilweise schon ein Leben lang begleiten. Mit Freude bewirtet er seine Gäste. Er ist stolz auf sein Heim in Cazis, das er in Eigenarbeit errichtet hat und an dem er seit 22 Jahren immer noch herumbastelt. «Ich hab alles da», sagt er und zeigt auf seine selbst gebaute Bar, die Feuerstelle und das Haus. Um ihn herum – auf dem jenischen Platz – wohnen seine Cousins und weitere Verwandte. Familie und Zusammenhalt sind ein elementarer Teil in seinem Leben und in dem vieler anderer Jenischer, wie er erzählt.
Hinter der Holzmauer im Garten rauscht ab und an ein Zug vorbei, für Elvis Kollegger ist es der tägliche Wecker um halb sechs. Hinter den Gleisen erstrecken sich die Bündner Berge, die ein eindrucksvolles Panorama erzeugen. Als Kind ist er jeden Sommer in den Bergen, seine Eltern bewirtschaften eine Alp, er muss mithelfen und Kühe hüten. «Ich kenne dort alles.» Ihm huscht ein Lächeln über das Gesicht, während er von damals berichtet. Doch seine Kindheit war nicht immer einfach. Elvis Kollegger wird 1963 in Roveredo geboren. Er wächst in einem Holzwohnwagen auf einem jenischen Platz im Wald auf, um ihn herum wohnt seine ganze Familie. Abends sitzen sie immer gemeinsam am Feuer, das Gemeinsame wird hier grossgeschrieben. Elvis Kollegger wird streng erzogen, es wird von ihm mit Selbstverständlichkeit erwartet, dass er von klein auf mithilft und arbeitet. Zusammen mit anderen Familienmitgliedern geht er hausieren, verkauft Knoblauch und Seifen. Später schleift er Messer, wie schon sein Vater und Grossvater auch. «Ich bin mit der jenischen Kultur aufgewachsen», sagt er, seine blauen Augen leuchten und man spürt seinen Stolz auf die eigene Identität. Die jenische Kultur wird Elvis Kollegger allerdings zum Verhängnis, sobald er in San Vittore und im tessinischen Cresciano zur Schule geht. Er wird von Klassenmitgliedern gemobbt, diskriminiert und beleidigt, weswegen er nach ein paar Jahren frühzeitig die Schule verlässt – so wie viele andere Jenische auch. Er spricht davon, wie seine Schwester von einem Lehrer geschlagen wird und anschliessend blutet. Nicht einmal Lehrpersonen setzen sich für die jenischen Kinder ein. «Sie hat es nicht interessiert, was aus uns wird», berichtet er und zündet sich nachdenklich eine Zigarette an. Mit Diskriminierung aufgrund seiner Herkunft hat Elvis Kollegger nicht nur in der Schule zu kämpfen, später wird er noch öfter wegen des Jenisch-Seins Probleme haben.