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Schweiz und Welt

«Die Initiative ist zu extrem»

Davoser Zeitung
03.02.2022, 17:01 Uhr
heute um 12:16 Uhr

Tierversuche sind in der Schweiz, wie in vielen anderen Ländern auch, erlaubt. Die AO hat ihre Position zur Forschung mit Tieren seit langem offen gelegt: Neue Therapien zur Behandlung von Traumata und Erkrankungen des Bewegungsapparates können nur durch solide präklinische Forschung und Entwicklung erreicht werden. Die Forschung an Tieren ist ein wichtiger Bestandteil und hat zu vielen historischen Durchbrüchen der AO beigetragen. ARI-Wissenschaftler weisen darauf hin, dass die AO bei der Entwicklung neuer Behandlungen immer zuerst Alternativmethoden verwendet. Diese Methoden können jedoch den Einsatz von Tieren bei der Erforschung der multifaktoriellen Erkrankungen des Bewegungsapparats nicht vollständig ersetzen. Darüber hinaus verlangen die Zulassungsbehörden Tierversuche, um sicherzustellen, dass neue Behandlungen für den Menschen sicher sind.

«Die AO setzt, wann immer möglich, andere Mittel zur Entwicklung neuer Behandlungen ein, bei denen keine Tiere verwendet werden. Aber es ist noch immer notwendig, Tiere in der präklinischen Forschung zu verwenden, bevor Behandlungen sowohl bei Menschen als auch bei Tieren angewendet werden können. Wir tun dies mit Sorgfalt, Vorsicht und Respekt, um die Belastung für die Tiere so gering wie möglich zu halten», sagt ARI-Direktor Prof. R. Geoff Richards. Dabei betont er, dass sich die AO verpflichtet habe, die höchsten Qualitätsstandards in der Forschung einzuhalten.

Tatsächlich habe die AO bemerkenswerte Fortschritte bei der Verringerung der Belastung der Tiere und bei der Entwicklung und Anwendung alternativer Methoden gemacht, sagt Dr. med. vet. Stephan Zeiter, Programm Manager Präklinische Dienste ARI. «Im Jahr 2000 waren etwa 70 bis 80 Prozent unserer Forschung am ARI mit Tieren verbunden, heute sind es nur noch etwa 30 Prozent».

«Tiere spielen jedoch nach wie vor eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, die von den Zulassungsbehörden in Europa und den USA geforderten Nachweise zu erbringen», sagt Professor Martin Stoddart, leitender Wissenschaftler und Programm Manager für regenerative Orthopädie des Instituts, und weist auf die Schwierigkeiten bei der Realisierung hin: «Es ist wirklich nicht praktikabel, Tierversuche abzuschaffen, wenn wir noch nicht genügend Alternativen zur Verfügung haben, um den Einsatz von Tieren zu ersetzen. Es ist wie bei der Entwicklung von Elektrofahrzeugen: Wir sind uns alle einig, dass das eine grossartige Idee ist. Aber wenn wir morgen den Verbrennungsmotor komplett verbieten würden, würden weder Flugzeuge fliegen noch Schiffe fahren. Ausserdem gäbe es nicht mehr genügend Strom für die restlichen Bedürfnisse.» Zeiter fügt an: «Diese Initiative würde die Forschenden in der Schweiz daran hindern, neue Ansätze in den Therapien für Menschen zu erforschen und umzusetzen».

Beide Forscher betonen zudem, dass mit der Annahme der Initiative auch die Einfuhr neu entwickelter Therapien, die inanderen Ländern an Tieren getestet wurden, effektiv unterbunden würde. Auch würden gleichzeitig Versuche am Menschen verboten. Beides zusammen würde wesentliche Fortschritte in der biomedizinischen Forschung verunmöglichen. Stoddard: «Selbst die Methoden und Modelle, die wir heute verwenden, sind unvollkommen. Aufgrund ihrer mangelnden Komplexität sind die gegebenen Lösungen begrenzt. So sind sie in den meisten Fällen noch nicht bereit, die Verwendung von Tieren in der Forschung vollständig zu ersetzen». Für Zeiter sollte man der Realität ins Auge sehen: «Es gibt einige sehr spannende Möglichkeiten, doch sie sind heute noch nicht verfügbar. In der Zwischenzeit versuchen wir, sowohl die Zahl Tiere und deren Belastung zu minimieren als auch alternative Methoden zu entwickeln und zu optimieren, um Tierversuche zu ersetzen.»

Richards wiederum weist darauf hin, dass, wenn beispielsweise ein Heilmittel gegen Krebs, Diabetes oder die Parkinson-Krankheit gefunden würde, diese Heilmittel in der Schweiz nicht verfügbar wären, da die Zulassung dafür Tierversuche verlangt. Sie wären nur für diejenigen verfügbar, die es sich leisten könnten, ins Ausland zu reisen und die Behandlung privat zu bezahlen.

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