Die Heimat der iranischen Autorin Aliyeh Ataei ist die Sprache
Die iranische Autorin Aliyeh Ataei ist seit Februar für sechs Monate Writer in Residence am Literaturhaus Zürich. Am 30. Internationalen Literaturfestival Leukerbad (26.–28.6.) liest sie aus ihren autofiktionalen Erzählungen «Im Land der Vergessenen».
Aliyeh Ataei ist in der kargen Grenzregion zwischen dem Iran und Afghanistan geboren. Hier wurde ihre Identität zersplittert: «Ich hasse Grenzen, sie haben mein ganzes Leben geprägt», sagt sie im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Für sie war die Frage nach der eigenen Identität immer präsent, obwohl Menschen aus dem Iran und aus Afghanistan in ihrer Kindheit für sie nicht unterscheidbar waren. In Teheran scheinen diese Zugehörigkeiten klarer. Dort leben je nach Quelle rund zwei bis drei Millionen Menschen afghanischer Herkunft. Sie werden in politischen Debatten und sozialen Medien oft für soziale oder wirtschaftliche Probleme verantwortlich gemacht.
Figuren zwischen den Welten
Viele von Ataeis Figuren leben zwischen den Welten, oft umgeben von Gewalt, Krieg, religiösem Extremismus und Vertreibung. Selbst wenn sie bewusst beschliesse, über etwas völlig anderes zu schreiben, tauche mitten im Schreibprozess plötzlich eine migrantische Figur auf oder jemand, der nach Zugehörigkeit sucht. «Manchmal habe ich das Gefühl, diese Themen sind Geister, die mir folgen. Egal, wie weit ich versuche, mich von ihnen zu entfernen, sie kehren zurück.»
Für Ataei gibt es drei Sorten Menschen: Manche seien wie Bäume und blieben stets an einem Ort; andere verlassen einen Ort und bauen sich anderswo ein neues Leben auf; die Dritten bewegen sich ständig durch die Welt und seien ständig auf der Suche. «Ich versuche zu verstehen, welcher dieser Menschen ich bin und ob ich irgendwann zurückkehren und selbst Wurzeln schlagen kann.»
Ataei beschreibt scharf, einfühlsam und unvermittelt. Sie verleiht ihren Figuren – oft Frauen – Handlungsmacht und Erinnerung. Obwohl sie seit Jahren nicht mehr im Iran lebt, schreibt sie weiterhin auf Farsi. «Die Sprache ist zu meiner Heimat geworden. Sie hält die Verbindung zu mir selbst aufrecht.» Normalerweise spreche sie es nur mit ihren Figuren in ihrem Kopf. Als sie im Januar 2026 in den Iran zurückkehrte und am Flughafen alle Farsi sprachen, war sie erschüttert: «Ich dachte kurz, ich werde meine Figuren nicht mehr hören.»