Die Heiligen als die «Zerbrochenen» unter uns
von Winfried Weimert*
«Komm deinen Dienern zu Hilfe, die du erlöst im kostbaren Blut. In der ewigen Herrlichkeit zähle uns deinen Heiligen zu.» So heisst es im wunderschönen Te Deum der katholischen Lesehore (Gebetszeit vor der Laudes, dem Morgenlob).
In der Taufe sind wir geheiligt und als Kinder Gottes angenommen. Denn Jesus Christus, der heilig ist und heilig macht, ist somit immer mit uns.
Allerheiligen ist das tröstlichste aller Feste. Da feiern wir nicht so sehr die ganz Erfolgreichen, die sich kaum etwas zu- schulden kommen liessen und sozusagen schon als Heilige geboren wurden. Heilige sind zuerst durch die Hölle gegangen ... (Erst wenn auch wir uns zerbrechen lassen, kann etwas Köstliches und Gutes aus uns herausfliessen.) Sie werden an einem eigenen Tag im Laufe des Jahres gefeiert.
An Allerheiligen stehen die ganz anderen im Mittelpunkt: die Mühseligen und die Beladenen, die Kleinen und Stillen im Lande, die trotz ihrer Fehler und Schwächen auf Gott vertraut und täglich neu begonnen haben. Auch und gerade sie haben das Ziel ihres Lebens erreicht, für immer bei Gott zu sein. Dies sagt die Kirche mit dem heutigen Fest. Mit diesen Heiligen dürfen wir uns ganz besonders verbunden wissen. So beruft Jesus Christus nicht irgendeine Elite, sondern jeder und jede von uns zur Heiligkeit.
Wir kennen in unserem Leben, in unserer Welt Armut, Trauer, Gewalt, Hunger und Durst, Frieden und Verfolgung. Wir wissen um Krankheit und Leid, um Behinderung und Sucht, um Vereinsamung und Verlorenheit, um Scheitern in Ehe und Beruf. Es gibt heute immer mehr Verlierer als Sieger.
Wenn am Allerheiligentag die Seligpreisungen Jesu verkündet werden, dann bedeutet das, dass dieser Tag nicht nur ein Fest derer ist, die man offiziell als Heilige erklärt hat. Dieser Tag ist auch das Fest jener vielen kleinen, unbedeutenden Leute, deren Name niemand kennt, die keine Lobby haben, welche ihre Heiligsprechung in Rom vorantreibt. Wir können sagen: Die Heiligen sind vielleicht mitten unter uns.