Zum Hauptinhalt springen
Gastbeitrag

Die Hausarztpraxis ohne Hausarzt

Der Ennendaner Dorfarzt Pietro L'Abate warnt vor den Auswirkungen des geplanten Arbeitszeitdeckels für Hausärzte. Seine Kritik hat er in diese Satire verpackt.
author
Sara Good
heute um 04:30 Uhr

Pietro L'Abate

Man hat uns jahrelang erklärt, die Medizin werde immer menschlicher. Nun ist sie endlich dort angekommen, wo sie hingehört: im Selbstbedienungsladen. Die Idee entstand selbstverständlich nicht aus Spargründen. In der Schweiz geschieht niemals etwas aus Spargründen. Es geschieht ausschliesslich zur Optimierung, Effizienzsteigerung und Qualitätsverbesserung.

Dass danach zufällig weniger Ärzte arbeiten dürfen, ist ein statistischer Nebeneffekt. Nachdem beschlossen wurde, dass ein Hausarzt pro Tag nur noch eine exakt berechnete Anzahl Taxpunkte erzeugen darf, stellte sich eine einfache Frage:

Was macht der Patient, wenn der Arzt seine Tageslimite bereits um zehn Uhr morgens erreicht hat?

Früher hätte man gesagt: «Kommen Sie morgen wieder.» Heute wäre das völlig unmodern. Die Schweiz ist schliesslich ein Land der Innovation. Wir haben Tunnel durch Berge gebaut, die sich jahrmillionenlang erfolgreich dagegen gewehrt hatten. Wir haben Uhren gebaut, die genauer gehen als die Zeit selbst. Und nun ist es uns endlich gelungen, woran Generationen von Gesundheitsökonomen gearbeitet haben.

Die Arztpraxis ohne Arzt

Nicht etwa, weil es keine Ärzte mehr gibt. Nein. Die Ärzte dürfen bloss nicht mehr arbeiten. Das nennt man Kostensteuerung. Früher dachte ich immer, der Sinn eines Hausarztes bestehe darin, möglichst viele kranke Menschen zu behandeln.

Welch altmodische Vorstellung! Heute weiss ich es besser. Der moderne Hausarzt behandelt nicht mehr Patienten. Er behandelt Taxpunkte. Sobald deren Tageshöchstzahl erreicht ist, verwandelt er sich augenblicklich in einen Privatmenschen. Der Herzinfarkt möge sich bitte morgen wieder melden. Man nennt das Planungssicherheit.

Besonders betroffen sind ausgerechnet jene Hausärzte, die jahrzehntelang Zeit und Geld investiert haben, um ihren Patienten möglichst viel anbieten zu können: Ultraschall, manuelle Medizin, Schmerztherapie, Infiltrationen, kleine chirurgische Eingriffe oder Sportmedizin.

Sie haben Fähigkeitsausweise erworben, damit Patienten eben nicht für jede Kleinigkeit ins nächste Zentrum fahren müssen. Ein schwerer Fehler.

Hätten sie weniger gelernt, gäbe es heute gar kein Problem. Der Arzt, der nichts Besonderes kann, erreicht seine Tagesobergrenze deutlich später. Bildung war schon immer teuer. Besonders auf dem Land ist diese Reform ein Segen. Dort, wo es ohnehin kaum Spezialisten gibt, braucht es künftig auch keine mehr.

Die Patienten fahren einfach weiterhin nach Zürich. Oder sie bleiben gleich zu Hause. Da die Politik bekanntlich jedes Problem löst, das sie vorher selbst geschaffen hat, musste selbstverständlich eine neue Idee her.

Die Selbstbedienungspraxis

Schon am Eingang steht kein Empfang mehr. Dort begrüsst einen ein grosser Bildschirm: «Herzlich willkommen. Ihr Arzt hat heute seine gesetzlich erlaubte Taxpunkt-Obergrenze erreicht. Bitte behandeln Sie sich selbst. Unsere künstliche Intelligenz begleitet Sie dabei emotional.»

Die Anmeldung dauert nur wenige Sekunden. Krankenkassenkarte. Identitätskarte. Kreditkarte. AHV-Nummer. Fingerabdruck. Retina. Eine kleine DNA-Probe.

Danach erscheint: «Sie wurden erfolgreich vereinfacht.» Wer einen Harnwegsinfekt hat, geht in Kabine Nummer eins. Man gibt die Urinprobe ab. Der Automat analysiert sie innerhalb von zwei Minuten. Danach erscheinen einige Fragen:

  • Brennt es?
  • Seit wann?
  • Sind Sie sicher?
  • Wirklich sicher?
  • Möchten Sie Premium-Antworten für 19.90 Franken?

Nach erfolgreicher Bezahlung öffnet sich unten ein kleines Fach. Daraus fällt das Antibiotikum. Etwa so elegant wie früher ein Schokoriegel aus dem Getränkeautomaten. Wer Rückenschmerzen hat, geht einige Meter weiter.

Dort befindet sich der Infiltrationsroboter. Vor der Behandlung muss lediglich eine Einverständniserklärung unterschrieben werden. Sie umfasst 48 Seiten. Die eigentliche Infiltration dauert acht Sekunden. Die Rechnung braucht fünf Minuten.

Die dermatologische Abteilung besteht aus einem Spiegel. Man fotografiert seinen Ausschlag. Die KI antwortet: «Zu 96 Prozent harmlos.» Macht man eine Minute später dasselbe Foto nochmals, antwortet sie: «Wir empfehlen dringend eine universitäre Zweitmeinung.»

So erkennt man künstliche Intelligenz. Sie ist dem Menschen inzwischen erstaunlich ähnlich. Besonders beeindruckend ist die Schmerztherapie. Früher musste dafür ein speziell ausgebildeter Hausarzt mit Fähigkeitsausweis die Infiltration durchführen. Heute erledigt das ein Roboter.

Vorher fragt er höflich: «Sind Sie Rechtshänder?» Bis heute weiss niemand, weshalb. Aber die Software verlangt diese Information.

Die Landbevölkerung profitiert besonders. Früher musste der Patient vielleicht einmal jährlich nach Zürich zum Rheumatologen. Heute fährt er täglich in die Selbstbedienungspraxis. Dort erklärt ihm der Bildschirm freundlich: «Ihr Hausarzt hat seine Tagesobergrenze bereits um 10.43 Uhr erreicht. Der Rheumatologe befindet sich weiterhin in Zürich. Allerdings neu als Avatar.»

Das nennt man wohnortsnahe Versorgung. Die neue Triage ist ebenfalls vorbildlich. Ein freundlicher Avatar fragt: «Wie stark sind Ihre Schmerzen auf einer Skala von eins bis zehn?» Bei eins empfiehlt er Bewegung. Bei fünf empfiehlt er Yoga. Bei acht empfiehlt er Geduld. Bei zehn erscheint die Meldung: «Sie gehören leider nicht mehr in den ambulanten Bereich.»

Wer trotzdem einen Arzt sprechen möchte, kann selbstverständlich einen Termin buchen. Der nächste freie Termin ist in drei Monaten. Der Arzt hätte übrigens schon morgen Zeit. Nur leider keine Taxpunkte mehr.

Am Ausgang befindet sich, wie bei Ikea, die Selbstscannerkasse. Der Patient scannt:

  • eine Blasenentzündung
  • zwei Rückenschmerzen
  • drei Hautflecken
  • vier Minuten Hoffnung

Das System bedankt sich höflich. «Vielen Dank für Ihren Einkauf. Bitte besuchen Sie uns bald wieder.» Der Patient fragt vorsichtig: «Und wo ist eigentlich der Arzt?»

Die KI lächelt verständnisvoll. «Der Arzt befindet sich im Pausenraum. Er hat seine gesetzlich erlaubte Tagesobergrenze erreicht und darf Sie aus gesundheitspolitischen Gründen leider nicht mehr behandeln. Die Politik bedankt sich für Ihr Verständnis und gratuliert Ihnen zu einer qualitativ hochstehenden ambulanten Grundversorgung.»

Es gibt Satiren, die übertreiben. Und es gibt gesundheitspolitische Reformen. Manchmal ist der Unterschied erstaunlich klein.

Passend zum Beitrag:
heute
Pietro L'Abate möchte die Menschen aufrütteln: Vor seiner Praxis in Ennenda hat er Plakate aufgestellt, um auf die Probleme der geplanten Arbeitszeitlimite hinzuweisen.
Mehr zum Thema: Gesundheit