Die Hausarztpraxis ohne Hausarzt

Pietro L'Abate
Man hat uns jahrelang erklärt, die Medizin werde immer menschlicher. Nun ist sie endlich dort angekommen, wo sie hingehört: im Selbstbedienungsladen. Die Idee entstand selbstverständlich nicht aus Spargründen. In der Schweiz geschieht niemals etwas aus Spargründen. Es geschieht ausschliesslich zur Optimierung, Effizienzsteigerung und Qualitätsverbesserung.
Dass danach zufällig weniger Ärzte arbeiten dürfen, ist ein statistischer Nebeneffekt. Nachdem beschlossen wurde, dass ein Hausarzt pro Tag nur noch eine exakt berechnete Anzahl Taxpunkte erzeugen darf, stellte sich eine einfache Frage:
Was macht der Patient, wenn der Arzt seine Tageslimite bereits um zehn Uhr morgens erreicht hat?
Früher hätte man gesagt: «Kommen Sie morgen wieder.» Heute wäre das völlig unmodern. Die Schweiz ist schliesslich ein Land der Innovation. Wir haben Tunnel durch Berge gebaut, die sich jahrmillionenlang erfolgreich dagegen gewehrt hatten. Wir haben Uhren gebaut, die genauer gehen als die Zeit selbst. Und nun ist es uns endlich gelungen, woran Generationen von Gesundheitsökonomen gearbeitet haben.
Die Arztpraxis ohne Arzt
Nicht etwa, weil es keine Ärzte mehr gibt. Nein. Die Ärzte dürfen bloss nicht mehr arbeiten. Das nennt man Kostensteuerung. Früher dachte ich immer, der Sinn eines Hausarztes bestehe darin, möglichst viele kranke Menschen zu behandeln.
Welch altmodische Vorstellung! Heute weiss ich es besser. Der moderne Hausarzt behandelt nicht mehr Patienten. Er behandelt Taxpunkte. Sobald deren Tageshöchstzahl erreicht ist, verwandelt er sich augenblicklich in einen Privatmenschen. Der Herzinfarkt möge sich bitte morgen wieder melden. Man nennt das Planungssicherheit.
Besonders betroffen sind ausgerechnet jene Hausärzte, die jahrzehntelang Zeit und Geld investiert haben, um ihren Patienten möglichst viel anbieten zu können: Ultraschall, manuelle Medizin, Schmerztherapie, Infiltrationen, kleine chirurgische Eingriffe oder Sportmedizin.
Sie haben Fähigkeitsausweise erworben, damit Patienten eben nicht für jede Kleinigkeit ins nächste Zentrum fahren müssen. Ein schwerer Fehler.
Hätten sie weniger gelernt, gäbe es heute gar kein Problem. Der Arzt, der nichts Besonderes kann, erreicht seine Tagesobergrenze deutlich später. Bildung war schon immer teuer. Besonders auf dem Land ist diese Reform ein Segen. Dort, wo es ohnehin kaum Spezialisten gibt, braucht es künftig auch keine mehr.
