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Schweiz & Welt

«Es isch es Gschenk! ...

Barbara Gassler
31.08.2023, 06:53 Uhr
11.05.2026, 12:16 Uhr

Während langer Zeit lud die Gemeinde jeweils den 18 Jahre alt werdenden Jahrgang zu einer Jungbürgerfeier in die Grosse Stube des Rathauses ein. Im persönlichen Austausch mit den Kleinen Landräten sollte den volljährig werdenden Menschen die politischen Strukturen und ihre Mitwirkungsmöglichkeiten nahe gebracht werden. Doch seit einigen Jahren wird der Anlass nicht mehr durchgeführt. Dies aufgrund von mangelndem Interesse und einer stark rückläufigen Teilnahme, wie Landammann Philipp Wilhelm auf Anfrage der DZ erklärt. Dabei stellt er die Frage, ob dies der richtige Weg gewesen sei, viele junge Erwachsene zum regelmässigen Abstimmen und Wählen zu bewegen. «Hier scheint der Ansatz mit der ‹easyvote-Broschüre› zielführender, da damit viel mehr Leute erreicht werden.»

Ihre Meinung ist gefragt

Also versandte die Gemeinde im Hinblick auf die National- und Ständeratswahlen sowie die Ersatzwahl in den Kleinen Landrat vom 22. Oktober an 570 Jungwählerinnen und -wähler im Alter von 18 bis 25 Jahren einen Brief. «Ihre Meinung ist gefragt», heisst es darin. Beigelegt ist eine vom Dachverband Schweizer Jugendparlamente herausgegebene Broschüre zu «easyvote.ch». «Es würde uns freuen, wenn in Davos die Wahlbeteiligung überdurchschnittlich hoch ausfallen würde und Sie Teil unseres gemeinsamen Erfolgs sein werden», heisst es im Brief der Gemeinde abschliessend.

Mitbestimmen und Mitentscheiden

Dazu, ob ausgerechnet der Nachwuchs die Stimmbeteiligung hoch halten kann, gibt es keine verlässlichen Zahlen. «Die statistische Datenlage in der Schweiz ist nicht gerade sehr ergiebig», sagt Wilhelm. «Es gibt immerhin die Studie ‹easyvote-Politikmonitor›, welche nahelegt, dass junge Stimmberechtigte unter anderem bei komplexen Vorlagen weniger an die Urne gehen.» Mit den easyvote-Broschüren für Neuwählende könne diese Hürde etwas reduziert werden, denn das Wahlprozedere werde dort jeweils auf wenigen Seiten einfach, verständlich und politisch neutral erklärt. Dabei sei der anstehende Urnengang besonders wichtig: «Gerade Wahlen haben in der Demokratie eine zentrale Bedeutung. Die Bevölkerung kann alle vier Jahre die Zusammensetzung des Parlaments bestimmen, welches in den kommenden Jahren prägende Entscheide fällen wird.»

Auch kleine Hürden beseitigen

Ausser dem Versand der «easyvote-Broschüren» plant die Gemeinde aber keine weiteren Massnahmen, um Jungwählerinnen und -wähler an die Urne zu bringen, doch Wilhelm verweist auf die Portofreiheit, die seit einiger Zeit für Stimm- und Wahlunterlagen gilt. «Studien zeigten, dass auch solche kleine Hürden teilweise zu tieferer Stimmbeteiligung führen.»

Parteimeinungen

In diesem Zusammenhang fragte die DZ bei den Davoser Parteien nach ihrer Einschätzung der Bedeutung junger Wählender. Bis zur Drucklegung dieser Zeitung gingen die folgenden Rückmeldungen ein. Sie würden sich darum bemühen, nahe bei ihren Mitgliedern zu sein, antwortet Tamara Henderson, Co-Präsidentin der Mitte. «Wir organisieren Veranstaltungen und sind auch auf den Social-Media-Kanälen präsent. Wir möchten aber auch vor Ort mit den Jugendlichen sprechen. Wir besuchen Anlässe von ihnen und können so im persönlichen Gespräch heraushören, was die Anliegen und Bedürfnisse der Jungen sind.» Christian Thomann von der EVP weist auf deren Liste hin. Auf dem zweiten Platz stehe mit Leona Eckert eine Kandidatin, die erst kurz vor den Wahlen den 18. Geburtstag feiern könne. «Junge Kandidierende, mit denen sich die jungen Wähler identifizieren können und durch die sie sich in besonderem Masse vertreten fühlen, sind ein wichtiges Element, um die Jugend zur Teilnahme an der Wahl zu motivieren.» Joshua Verhoeven von der SP betont die Wichtigkeit der jungen Generation in der politischen Landschaft. Um sie zu mobilisieren, würden sie sie aktiv in ihre Prozesse und Initiativen einbinden. «Wir legen Wert darauf, Themen aufzugreifen, die auch die Interessen und Anliegen der Jugendlichen ansprechen.» Ausserdem würden sie eng mit der JUSO zusammenarbeiten.

Parteien müssen Motivieren

Übereinstimmend sagen die Parteivertretenden, dass die Motivierung der Jungen auch Sache der Parteien sei. Nur wenn man ihnen nahe sei, könne man die Überzeugung weitergeben und sie an die Urne bringen, findet Henderson. Thomann weist derweil auch auf die Bedeutung der Wahlen hin: «Letztlich profitiert das politische System als Ganzes, und als Teil davon auch die Parteien, von einer möglichst breiten Basis an Stimmbürgern, die sich am politischen Geschehen beteiligen.» Es sei Verantwortung der Parteien, alle Teile der Bevölkerung zu repräsentieren, findet auch Verhoeven und meint, Parteien sollten sich bemühen, Themen aufzugreifen, welche die junge Gene­ration betreffen und ansprechen. Er wünscht sich eine aktive Beteiligung der Bevölkerung an lokalen Projekten. Damit würde auch das Verständnis und das Engagement für die Kommunalpolitik gefördert, meint er.

Sympathisch, aber es braucht mehr

Die Aktion der Gemeinde findet Thomann sympathisch, sieht aber noch Potenzial: «Gerade für die Jungen wäre es aber wichtig, auch im Bereich Digitalisierung vorwärtszumachen und zum Beispiel ‹E-Voting› zu ermöglichen.» Auch Henderson begrüsst die Aktion der Gemeinde. Diese spiele eine wichtige Rolle in der Kommunikation. «Es ist auch wichtig, dass man sich mit den Jugend­lichen trifft und das Gespräch sucht.»

Leben mit den Entscheidungen

Alle Parteivertretenden betonen die Bedeutung der Wahlen besonders für die nächsten Generationen. «Die junge Generation wird am längsten mit den Folgen der politischen Entscheidungen von heute leben müssen», stellt Verhoeven fest, und auch Henderson stösst in die gleiche Bresche: «Es geht um ihre Zukunft, und die sollten sie auch mitgestalten und entsprechend wählen gehen.» Thomann wiederum betont die Beteiligung aller am politischen Prozess. Nur so habe er die nötige Legitimation und Akzeptanz. Eine frühe Gewöhnung der Wahlberechtigten ist für ihn darum wichtig: «Dann ist die Chance gross, dass sie auch mit zunehmendem Alter dieser ­guten Gewohnheit treu bleiben. Oftmals bleibt man ja nicht aus Desinteresse der Urne fern, sondern man fühlt sich unsicher oder findet es aufwendig, an verständliche Informationen zu kommen. Je früher man ins aktive Abstimmen und Wählen einsteigt, desto mehr Erfahrung und Kompetenz gewinnt man mit der Zeit, was die politische Partizipation einfacher und selbstverständlicher macht.»

www.easyvote.ch

Der Dachverband Schweizer Jugendparlamente (DSJ) ist das parteipolitisch neutrale, praxisorientierte Kompetenzzentrum für politische Bildung und politische Partizipation von jungen Menschen. Oder kurz gesagt: Der DSJ will junge Menschen für Politik und die Teilhabe daran begeistern.

Dieses Ziel verfolgt der DSJ mit der Förderung seiner Mitglieder, den Jugendparlamenten, sowie mit seinen Angeboten «easyvote» und «engage.ch». Damit bietet der DSJ eine breite Palette von Informations- und Mitwirkungsmöglichkeiten im politischen System der Schweiz an.

Daneben leistet der DSJ wichtige Grundlagenarbeit in seinen beiden Kernthemen politische Bildung und politische Partizipation, indem er Wissen generiert, Akteure und Akteurinnen untereinander vernetzt und gewonnene Erkenntnisse einfach verständlich mit der breiten Öffentlichkeit teilt. (pd)

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