Deshalb glaubt die Ukraine an den Sieg

Laut dem European Council on Foreign Relations glaubten 2024 nur 10 Prozent der Europäer, dass die Ukraine den Krieg gewinnen würde. Etwa 20 Prozent gingen davon aus, dass Russland gewinnen würde. Die meisten Menschen nahmen an, dass der Krieg mit einer Art Kompromiss enden würde.
Dies steht in scharfem Kontrast zu den Ukrainern. Im Februar 2024 glaubten 60 Prozent von ihnen, dass die Ukraine gewinnen werde, wie Daten des Kiewer Internationalen Instituts für Soziologie zeigen. Diese Zahl war im August 2026 in etwa gleich.
Russland ist mittlerweile in der Lage, ballistische Raketen abzufeuern, ohne dass ein nennenswertes Risiko besteht, dass diese abgefangen werden. Die meisten russischen Drohnen sind heute mit Strahltriebwerken ausgestattet. Sie fliegen schnell und tief in das ukrainische Territorium hinein.
Das ukrainische Militär ist an der Front stark. Doch die massiven russischen Luftangriffe und die endlosen Luftalarmmeldungen der letzten Wochen verunsichern die Bevölkerung zunehmend.
Worauf setzen die Ukrainer in diesem ungleichen Kampf dann aber ihre Hoffnung?
- Erstens neigen Menschen dazu, negative Szenarien zu verdrängen und sich auf positive zu stützen. Das ist eine natürliche Reaktion der menschlichen Psyche.
- Zweitens glauben die Menschen an ihre Sache. Die Ukrainer führen einen gerechten Verteidigungskrieg. Viele glauben, dass es sich hierbei um einen klaren Kampf des Guten gegen das Böse handelt.
- Drittens kennen die Ukrainer die russische Geschichte besser als die Durchschnittsbürger im Westen. Sie sind sich der militärischen Misserfolge Russlands und staatlicher Umbrüche bewusst, wie etwa Mitte des 19. Jahrhunderts, 1917 oder nach der Perestroika.
- Viertens wollen die Ukrainer nicht den Gräueltaten ausgesetzt sein, die russische Soldaten den Ukrainern in den besetzten Gebieten angetan haben.
- Fünftens wollen die Ukrainer nicht Teil von künftigen imperialen Kriegen des russischen Militärs werden.
Die Ukrainer wissen zudem, dass es viele Fälle gibt, in denen grössere Länder gegen kleinere verloren haben. Vor allem dann, wenn die kleineren nationale Befreiungskriege führten.
Es stimmt, dass die Russen duldsam gegenüber Entbehrungen sind und es gewohnt sind, sich auf den Staat zu verlassen. Doch die postsowjetische Generation hat sich auch an einige Vorzüge der westlichen Zivilisation gewöhnt und könnte sich gegenüber Schwierigkeiten als weniger widerstandsfähig erweisen als zu Stalins Zeiten. Die Kultur der Machtpolitik der KGB-Leute und Gangster in Moskau könnte sich gegen sie selbst wenden. Wenn Probleme auftreten, könnten sie anfangen, sich gegenseitig zu bekämpfen.