Der Weg zum Künstler: Alberto Giacometti in jungen Jahren
von Riccarda Hartmann
«Es wurden immer wieder einzelne Bilder von ihm aus seiner Jugend gezeigt, jedoch immer mit dem Blick zurück aus Sicht des berühmten Künstlers», fängt Stephan Kunz an, der die Ausstellung zu Alberto Giacometti in jungen Jahren im Bündner Kunstmuseum kuriert. Doch: «Wie wird er überhaupt Künstler? Man sieht es bereits früh, aber an was orientiert er sich? Wo hat er angefangen?» Fragen über Fragen, die, anhand seiner Bilder und Plastiken, Briefen und Tagebucheinträgen, zu beantworten möglich werden. Bilder aus seiner Jugend. Also tun wir das. Betrachten wir sie und lernen den Alberto Giacometti kennen, wie er Künstler wird. Wie dieser Weg aussieht. Er ist ein Sohn, der älteste Bruder. Ein Junge, der malt und zeichnet. Inspiriert von einem Umfeld, geprägt von Kunst.
Befreundet mit Cuno Amiet und Ferdinand Hodler ist auch Vater Giovanni Giacometti ein Maler. Beide Freunde werden Patenonkel. Ersterer von Alberto, Zweiterer von dessen Bruder Bruno. Am 10. Oktober 1901 wird Alberto Giacometti also in eine Familie im Bergell hineingeboren, die Kunst pflegt. Er kommt in Borgonovo zur Welt, im gleichen Haus – dem Dolfi-Haus –, wo seine Mutter Annetta Giacometti-Stampa aufwuchs. Am Tag seiner Geburt zeichnet sein Vater auch gleich das erste Bildnis von ihm. Mit Tuschefeder auf Papier. Ein Baby eingewickelt in ein Tuch, die Augen zusammengekniffen, im Arm der Mutter. Im Laufe der Jahre entstehen viele Porträts von Alberto Giacometti, gemalt von seinem Vater. Vom Babybild bis zum Jugendlichen, der nach Paris geht. Im Anzug, lesend, am See sitzend oder malend. Vom Kind mit den hellen Locken zum jungen Mann mit den braunen Locken.
Von Borgonovo zieht die Giacometti-Familie im Jahr 1904 nach Stampa. Dort wächst Alberto mit seinen drei Geschwistern, Diego, Ottilia und Bruno auf. Ein Jahr später erwirbt Giovanni Giacometti den Stall von seinem Bruder Otto Giacometti und wandelt diesen in ein Atelier um. Alberto Giacometti ist gerne dort. Schaut seinem Vater zu, malt oder zeichnet mit ihm gemeinsam. «Die Nähe zum Vater hat ihn gefördert», meint Stephan Kunz. Gleiche Motive, gleiche Modelle, die sie zusammen malen. Nebeneinander. Familienmitglieder, Menschen aus dem Bergell, Landschaften.