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Schweiz & Welt

Mit dem nötigen Respekt

Barbara Gassler
11.06.2023, 07:06 Uhr
11.05.2026, 12:16 Uhr

«Erwartet nicht zu viel. Unsere Führerin hatte vorgestern bei einer Rekognos­zierungstour nichts entdeckt», dämpft der Umweltbeauftragte des SAC, Dieter Müller, allzu grosse Hoffnungen. Doch Bollier hat fassbares Anschauungsmaterial mitgebracht. Während die verschiedenen Schädel, Hörner und Geweihe von Hand zu Hand gehen, erläutert sie den Unterschied. «Hörner sind fest mit dem Schädel verwachsen, Geweihe bilden sich jedes Jahr neu.» Ziel der heutigen Veranstaltung ist es, Wissen über die Rolle des Wildes im Lebensnetzwerk der Alpen zu vermitteln und über die Bedeutung von Wildruhezonen zu informieren, Bolliers Aufgabengebiet beim Amt für Jagd und Fischerei Graubünden. Doch schon ruft jemand: «Ein Adler», und alle Feldstecher richten sich nach oben. Während dieser die Angriffe eines Falken über sich ergehen lässt, erzählt Bollier unten weiter: «Die rechte Talseite unter dem Gfroren Hora ist ein ganz wichtiges Wildeinstandsgebiet. Besonders im Frühjahr nutzen die Gämsen es stark.» Schon hat jemand einen einzelnen Gämsbock entdeckt, und wieder wandern alle Blicke in die Höhe. Zuletzt zieht Bollier noch einen ganz anderen Schädel aus ihrem Fundus. Die Führungsteilnehmenden bewundern den ganz anderen Bau und die viel kräftigeren Kiefer des Raubtiergebisses.

Wanderung mit Unterbrüchen

Dann macht man sich auf in Richtung Chüealptal. Doch die Gruppe kommt nicht weit. Schon nach wenigen Schritten wird sie von einem Murmeltier ausgepfiffen. Hoch aufgerichtet auf einem Stein, ist es durch den Feldstecher gut zu sehen. Bereits bei der Brücke zum Älpli ist erneut Halt. Unterhalb des Älplihorns ­wurde Steinwild entdeckt. Zur Freude der Beobachter fechten zwei Jungböcke einen Übungskampf aus. Ein Rudel Geissen weidet nebenan.

Weiter geht es ins Chüealptal, wo entlang des Weges Wolfskot entdeckt wird. «Gut erkenntlich an den Knochensplittern und den vielen Haaren darin», kommentiert Bollier. Als die Gruppe auf der Ebene vor Schära ankommt, sucht eine Hirschkuh in den Erlen Schutz vor den neugierigen Augen. «Sicherlich hat sie ihr Kitz in der Nähe gesetzt. Sonst würde sie nicht so nahe bleiben», weiss Bollier das Verhalten zu erklären. An der Flanke des Mittaghora wird unterdessen eine Gruppe ­Gämsen erspäht. Eine kräftige alte Geiss ist mit zwei Jährlingen unterwegs. «Sie hatte in diesem Jahr wohl kein Neuge­borenes. Davon profitiert ihr Junges vom Vorjahr, dem sich noch ein weiteres Jungtier angeschlossen hat», interpretiert die Biologin die Sichtung. «Wildruhezonen sind enorm wichtig für den Erhalt des Wildes», erzählt sie weiter. «Wir sind ständig dabei, diese zu überarbeiten und den Gegebenheiten anzupassen.» Doch das sei ein langwieriger politischer Prozess. «Dabei sind die aktuell ausgeschiedenen Wildruhezonen nicht einmal die erste Wahl der Wildtiere.» Vor dem Aufkommen des Wintersports hätten sie ­bevorzugt an den Sonnenhängen entlang des Landwassertals überwintert. «Darum ist es so wichtig, die Tiere wenigstens in den wenigen übrig gebliebenen Wintereinständen nicht zu stören.» Jedes Mal, wenn sie aus ihrem natürlichen Sparmodus aufgeschreckt würden, verlören sie überlebenswichtige Energie. In der Gruppe entsteht eine rege Diskussion über eine mehr oder weniger erfolgreiche Kanalisation der menschlichen Tätigkeiten. Doch viel zu bald geht es wieder zurück Richtung Sand, denn das Postauto wartet nicht. Während Bollier an der Haltstelle noch einige Fragen beantwortet, zieht der Steinadler in den letzten Sonnenstrahlen noch immer seine Kreise. «Das war ein erlebnis- und informations­reicher Ausflug», sind sich die Teilnehmenden einig.

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