Der Blick geht bereits nach Los Angeles
Auf Noe Seifert ist auch an den Kunstturn-Europameisterschaften in Zagreb Verlass. Der 27-Jährige denkt aber schon weiter. Sein grosses Ziel heisst Los Angeles 2028.
Eine EM-Medaille im Mehrkampf bleibt nach dem 4. Platz am Mittwoch auf der To-do-Liste von Noe Seifert. Dennoch war der Aargauer mit seinen Leistungen im Grossen und Ganzen zufrieden. Er hat das grosse Bild im Kopf, und das sind die Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles.
Risiko für die Zukunft
Deshalb hat Seifert im Training viele neue Übungen ausprobiert. In den internen Qualifikationswettkämpfen musste er sich deshalb mit dem 3. und 4. Rang begnügen. In der Folge kehrte er am Reck zur alten Übung zurück und qualifizierte sich damit für den Gerätefinal vom Samstag. Am Barren und an den Ringen zeigte er in Zagreb aber die neuen Programme. «Es ist immer ein Balancieren, wie viel Risiko man nimmt oder nicht», sagt Seifert im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA.
Ohnehin ist das kommende Jahr wichtiger, weil an der WM 2027 in der chinesischen Metropole Chengdu nicht weniger als neun weitere Team-Quotenplätze für die Sommerspiele in Los Angeles vergeben werden – in diesem Jahr sind es drei. Umso mehr lohnt es sich, nun etwas auszuprobieren und anschliessend das zu festigen, was funktioniert. Das ist ein Prozess. Dass sein Rücken, der ihm immer wieder Probleme bereitete, momentan stabil ist, kommt Seifert zugute. Er konnte mehr oder weniger wie gewünscht trainieren.
Der 4. Platz im Mehrkampf in Zagreb ist die beste Schweizer EM-Klassierung in der Königsdisziplin seit 1957, als Max Benker als Dritter die bisher einzige Medaille holte. Vor einem Jahr an der WM in Jakarta hatte Seifert mit Bronze im Mehrkampf eine 75 Jahre dauernde Durststrecke beendet und somit ebenfalls Schweizer Turngeschichte geschrieben.
Auch neben dem Turnen gefordert
Als Lohn schaffte es Seifert bei den Sport Awards in der Kategorie «Sportler des Jahres» unter die besten sechs. Deshalb wurde er für ein Interview vor die Kameras gebeten – früher wäre das für ihn der Horror gewesen. «Mittlerweile geht es immer besser, ich bin auch nicht mehr so nervös, wachse langsam hinein», sagt Seifert. Das ist deutlich zu spüren. Früher musste man ihm quasi alles aus der Nase ziehen, mittlerweile ist er deutlich auskunftsfreudiger. «Bei uns gibt es nur zwei grosse Anlässe im Jahr mit Medienpräsenz. Wir hatten diesbezüglich schon Trainings, aber das ist nicht das Gleiche», so der 27-Jährige.
Zwar hatte Seifert nach WM-Bronze ein paar Auftritte und konnte er Vorträge halten, doch legte sich der Rummel rasch wieder. Was Sponsoren betrifft, hatte er null Anfragen. Er trennte sich in gegenseitigem Einvernehmen von seinem Management und geht nun selber auf die Suche nach Geldgebern. So schrieb er Hunderte von Anfragen, mehr als ein Gespräch mit einem potenziellen Sponsor ergab sich bisher aber nicht. Wenn es ihm ums Geld ginge, würde er definitiv nicht Kunstturnen, sagt Seifert. Er arbeitet nebenbei zu 30 Prozent beim Bundesamt für Sport, was für ihn eine willkommene Ablenkung ist.
Vorerst aber möchte er in der kroatischen Hauptstadt weiter überzeugen. Am Samstag bietet sich Seifert im Gerätefinal am Reck die Gelegenheit, nach Bronze am Barren 2024 in Rimini zum zweiten Mal eine EM-Medaille in einer Einzeldisziplin zu gewinnen. Am Sonntag steht dann der Teamfinal an, im vergangenen Jahr gewannen die Schweizer Silber. Diesen historischen Erfolg würden sie nur allzu gerne wiederholen. Anders als in der Qualifikation, die sie als Zweite beendeten, gibt es dann allerdings kein Streichresultat mehr. Jede Übung ist entscheidend.
Bis zu den Olympischen Spielen dauert es noch lange, doch die Richtung bei Seifert stimmt auf jeden Fall. Geht er diesen Weg erfolgreich weiter, dürfte auch das Interesse an ihm deutlich wachsen.