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Schweiz und Welt

Der Betrieb im Laret

Davoser Zeitung
23.10.2022, 06:29 Uhr
heute um 12:16 Uhr

Die beiden Gasmotoren der Schatzalpbahn wurden 1910 umgebaut und mit Gas aus dem Netz gespiesen. Die eigene Gaserei wurde aufgehoben. Ab 1914 wurde auch die Kraftversorgung der Bahn auf das EW-Netz umgestellt.

Der Tageskonsum an Gas lag bei 300 Kubikmetern und nahm dann bis Ende Jahr auf 1000 Kubikmeter zu. Damit wurde versucht, Grossverbraucher zum Anschluss zu bewegen, das gelang aber nur langsam. 1908 wurde ein neues «Rauchgesetz» erlassen, in der Hoffnung eine Umstellung auf die rauchfreie Verbrennung zu fördern. Erst 1910 konnte der ursprünglich vorgesehene Gaskonsum erreicht werden. Dann begann der Erste Weltkrieg, und die Kohle aus dem Elsass und dem Ruhrgebiet wurden um 100 Prozent teurer. Die Lieferungen stockten, die Qualität wurde schlechter. Die Vergasung von Holz und Torf wurde eingeleitet, brachte aber nichts. Dafür wurde aber Wald und Hochmoor geschützt.

Der Gaspreis durfte gemäss einer Verfügung des Bundesrats nur um 10 Prozent erhöht werden. Durch die Erhöhung der Gaspreise und auch durch die wirtschaftliche Flaute ging der Gaskonsum zurück. Trotz Erhöhung des Aktienkapitals verschlechterten sich die Aussichten für die Gasversorgung. Die Defizite häuften sich. Dazu kam noch der immer grösser werdende Konkurrenzdruck durch die Elektrizität.

Die Kehrichtverbrennung wurde angegliedert

Der anfallende Kehricht war das nächste grössere Problem im aufsteigenden Kurort. Die wilden Deponien stanken und waren unhygienisch. Nur eine Verbrennung des Kehrichts konnte das Problem lösen. Aber wohin mit dem Verbrennungsort? Glücklicherweise stellte das Gaswerk der Gemeinde den Antrag, an die Kohleöfen noch Verbrennungsöfen anzubauen. Das Anschlussgeleise, der Hochkamin und weitere gemeinsam zu nutzende Gebäudeteile waren vorhanden. Somit konnten die Zubauten für 130 000 Franken realisiert werden. Die Aktionäre des Gaswerks versprachen sich so ein besseres Betriebsergebnis. Die Behörden freuten sich über die Lösung. Ganz anders sahen es die Lareter. Sie legten Protest ein. Schon der Rauch der Gasanlage störte massiv, und nun sollte noch eine Kehrichtverbrennung dazukommen. Der Protest machte aber bei den Behörden keinen Eindruck, sodass die Anlage Ende 1914 betriebsbereit war. Nach der Verbrennungsanlage in Zürich war die Lareter Anlage die zweite Kehrichtverbrennung in der Schweiz. Die Gemeinde setzte für den Betrieb den gesetzlichen Rahmen und regelte die Finanzierung. Der Kurverein sorgte für das Personal und die Organisation.

Der Abfall wurde von den Kehrichtmännern mit Pferdefuhrwerken in grossen Blechtonnen bei den Privathaushalten, Hotels und Sanatorien eingesammelt und zum Bahnhof transportiert. Dort wurden die Abfalltonnen auf die RhB umgeladen und ins Laret gefahren. Leere Tonnen kamen gereinigt mit dem letzten Zug zurück.

Die Verbrennung des Mülls entlastete zwar Davos, die Verbrennungsrückstände – die Schlacke – wurde aber zu einem weiteren Problem. Sie wurden in der näheren Umgebung abgelagert. Kein erfreulicher Anblick, dazu stank es gewaltig. Als Ausweg beschloss man, ab 1950 die Schlacke mit einer kleinen Seilbahn in das etwas höher gelegene Moor zu transportieren und dort zu versenken.

Gaswerk und Elektrizitätswerk schlossen sich zusammen

Um seinen Aktionären grosse Verluste zu vermeiden, stellte sich die Frage nach einer Fusion von Gaswerk und Elektrizitätswerk (EW). Da es fast die gleichen Aktionäre betraf und das Elektrizitätswerk schon recht finanzkräftig war, erfolgte der Zusammenschluss am 29. Dezember 1920. Das Aktienkapital der «Gaswerke Davos AG» wurde auf 400 000 Franken reduziert. Man hoffte, dieses in Zukunft verzinsen zu können. Aber auch daraus wurde nichts. Die Ergebnisse des Gaswerkes genügten in den nächsten beiden Jahren nur zur Deckung der eigenen Unkosten, für die Abschreibungen und zur Deckung der Verluste. Dann folgten wieder einige Jahre mit kleinen Erfolgen. Ab 1935 wurden aber nur noch Verluste eingefahren. Wesentlich am schlechten Ergebnis beteiligt war die Umstellung von Gas- zu elektrischen Küchen.

Man rechnete, dass ein Kubikmeter Gas die gleiche Leistung erbrachte wie 3 kWh Elektrizität. Der Kubikmeter Gas kostete 44 Rappen, für 3 kWh mussten aber nur 27 Rappen bezahlt werden. Demnach war das Gas rund 60 Prozent teurer. Viele Grossküchen wechselten vom Gas zur Elektrizität. 1928 zählte man noch 34 Grossverbraucher, zehn Jahre später nur noch 12. 1937 wurde die Küche des Hotels Palace (früher Kurhaus, heute Europe) vollständig elektrifiziert. Sie war zu dieser Zeit die grösste elektrische Hotelküche der Schweiz. Im gleichen Jahr wurde auch ein grosser Elektrokessel in der Waschanstalt aufgestellt. Er ersetzte die Warmwasseraufbereitung durch Koks. Es blieben die wenig rentablen Privatabnehmer. Das Gas hatte den Kampf verloren, die Elektrizität blieb Siegerin. Eine neue Zeit ohne Gas war denkbar geworden. 1932 kündigte die Gemeinde dem EWD die Konzession für die Abteilung Gas. In einer Gemeindeabstimmung wurde der Rückkauf der Abteilung Gas klar abgelehnt.

Die Schliessung des Gaswerkes war vorauszusehen, es brauchte aber eine Übergangszeit für die Umstellung bei den verbliebenen Abonnenten. Der Zweite Weltkrieg veränderte die Situation nochmals. Elektrizitäts- und Gaswerk wurden vom Bund zu einem lebensnotwendigen Betrieb erklärt. Somit durfte das Gaswerk nicht geschlossen werden und musste zu einem vorgeschriebenen Preis eine bestimmte Gasmenge liefern. Die Kohlezufuhr aus den Kriegsgebieten funktionierte immer schlechter, die Auslands-abhängigkeit war ein massiver Nachteil. Alternative Kohlelieferanten gab es nicht. Daraus entstand 1945 ein monatlicher Verlust von 15 300 Franken. Darum wurde die Schliessung des Gaswerkes auf den 31. August 1946 beschlossen. Das Personal wurde vom EW übernommen.

Das Gebäude im Laret stand jetzt nur noch der Kehrichtverbrennung zur Verfügung. Auch der Gaskessel am Platz wurde ausser Betrieb genommen und später demontiert. Für die noch am Gas angeschlossenen Bezüger war das EW bei der Umstellung auf das Elektrische behilflich. Neue Elektroleitungen und Sicherungsverteiler mussten beschafft und installiert werden. Das EW kaufte seinen Kunden Elektroherde, denn es musste schnell umgestellt werden. Die Verluste der Abteilung Gas bewegten sich schon an der Millionengrenze. Die Koksheizungen konnten weiter betrieben werden, denn Koks war auf dem Markt genug erhältlich. Mit den ersten Ölheizungen ab 1931 erhielten aber die Koksfeuerungen eine massive Konkurrenz.

Was nach der Stilllegung noch blieb

Nachdem das Gaswerk 1946 seinen Betrieb eingestellt hatte, lief die Kehrichtverbrennung weiter. Die zunehmende Müllmenge forderte einen Zweischichtbetrieb. Das führte dazu, dass mehr Schlacke auch zusätzlichen Platz brauchte. Die Geruchsemissionen nahmen beängstigend zu. Selbst verbesserte Filter im Hochkamin nützten wenig. Die Anlage selbst wurde zur Ruine. Schnell musste eine andere Lösung gefunden werden. Ein Neubau kam aus Kostengründen und auch wegen des unpassenden Standortes nicht in Frage. Es bot sich aber die Möglichkeit, dem Gemeindeverband für Abfallbeseitigung in Graubünden (GEVAG) beizutreten und den Abfall in Trimmis zu verbrennen. Anfangs 1969 stimmte die Gemeinde dem Vorhaben zu, und am 11. November wurde der Betrieb im Laret eingestellt. Leider verzögerte sich der Bau der Anlage in Trimmis durch Unstimmigkeiten in den Mitgliedergemeinden. So musste in der Zwischenzeit in den Brüchen eine Deponie angelegt werden. 1975 konnte aber die Trimmiser Verbrennungsanlage den Betrieb aufnehmen. Seither fährt die RhB den Kehricht in Spezialwagen dorthin.

1981 wurde die Industrieruine im Laret abgebrochen. Nur noch das Frontgebäude blieb übrig und steht heute noch. Da rund um das Gebäude über Jahrzehnte Abfallprodukte abgelagert wurden, gilt das Gelände heute als belasteter Standort.

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