Ein trockener Winter bedeutet Trockenheit im Sommer
Ziemlich genau vor einem Jahr, am 4. Februar, meldete die DZ: «Diese Woche traf der lang ersehnte erste grosse Schnee dieses Winters ein.» Auf den grossen Schnee wartet man dieses Jahr noch immer, auch wenn es gerade erst schneite. Ein immer öfter festzustellender Trend, stellt Manuela Brunner, Leiterin der neuen Forschungsgruppe Hydrologie und Klimafolgen in Gebirgsregionen am SLF, im Gespräch mit der DZ fest: «Auch wenn die Klimamodelle für die Zukunft immer trockenere Sommer und nassere Winter voraussagen, so sind diese weniger gleichmässig verteilt.» Will heissen, im Durchschnitt werden die Winter tatsächlich feuchter. Es wird aber immer öfter Extremwinter in der einen oder anderen Richtung geben. Und bis jetzt zeigt sich der Winter 2022/23 von seiner trockenen Seite.
Doch selbst wenn im Winter ausreichend Niederschlag fällt, nur eine hohe Schneedecke kann bis in den Juli hinein als Wasserspeicher dienen und für die notwendige Bodenfeuchtigkeit sorgen. Regen dagegen werde zwar zu einem Teil von der Schneedecke aufgenommen, erklärt die Wissenschaftlerin. «Viel von dem Wasser fliesst aber gleich wieder ab.» Deutlich zeigen das die erhöhten Abflussmengen des Landwassers um Weihnachten herum, als bei reichlich Niederschlägen die Schneefallgrenze auf über 2000 m. ü. M. gestiegen war.
Zweiter trockener Winter in Folge
Das habe Folgen, die bis in den Sommer hinein reichten, stellt Brunner in der erwähnten Mitteilung fest: «Wenn es so weitergeht mit der Schneelage diesen Winter, könnte Trockenheit auch diesen Sommer ein Problem werden.» Denn das Schneedefizit des laufenden Winters sei die Trockenheit des kommenden Sommers und Herbst. Das wäre der zweite solche Winter in Folge. Denn trotz der kurzzeitigen grossen Schneefälle Ende Januar blieb auch der Winter 2021/22 hinter dem Mittel zurück. «Darunter leiden Pflanzen im Sommer und Herbst, von Gräsern über Sträucher bis hin zu Bäumen. Aber auch die Energiewirtschaft muss sich auf eine sich ändernde Lage der Pegelstände in ihren Speicherseen einstellen», sagt Brunner. Grundlage ihrer Aussage ist eine aktuelle Studie, in der sie mit ihrem Team in der Schweiz die Auslösefaktoren und Defizite von Dürren untersuchte. Dabei geben die Defizite die während einer Trockenperiode fehlende Menge an Wasser an und sind demzufolge ein Mass für die Stärke der Dürre. Festgestellt wurde das unter anderem, indem die Bedeckung mit Schnee angeschaut wurde: «Im Zeitraum 1994 bis 2017 stieg die Zahl der Dürreereignisse, die durch Schneeschmelzdefizite ausgelöst wurden, um 15 Prozent im Vergleich zur Phase von 1970 bis 1993.»
Gnadenfrist für Davos
Davos sei aufgrund seiner Höhenlage im Moment noch weniger gefährdet als das Unterland, das ausschliesslich auf Niederschläge angewiesen sei, stellt Brunner im Gespräch mit der DZ fest. Allerdings: «Selbst hier kann man sich nicht mehr auf die Schneedecke verlassen.» Schuld an dem sich verändernden Wasserregiment sei der Klimawandel, stellt Brunner in der erwähnten Mitteilung fest. Der verstärke die Problematik durch einen weiteren Aspekt: «Da es immer wärmer wird, verdunstet mehr Wasser, die Böden und Flussbette trocknen schneller aus.» Ein Wandel ist nicht in Sicht, ist die Klimawissenschaftlerin überzeugt, im Gegenteil: «Der Trend wird auch in Zukunft anhalten.»