Der Wohlstand frisst den Wohlstand auf
Im Hotel Alpengold versammelten sich ausser den Delegierten der verschiedenen Sektionen auch zahlreiche Vertretende aus Wirtschaft und Politik. In seiner Begrüssung sprach Hotelier-Präsident Aschi Wyrsch von einer Goldgräberstimmung in Graubünden. Er machte das an den hohen Investitionen im ganzen Kanton fest, trotz moderater Jahres-auslastung der Häuser. In Graubünden würde Potenzial gesehen und Investoren langfristig denken. «Ob dabei auch die Leistungsbereitschaft erhalten bleibt?», fragte er und führte damit in das die ganze Versammlung begleitende Thema ein. Angesprochen auf die «teuerste Gewerbeausstellung der Schweiz», wie er sie nannte, antwortete DDO-Direktor Albert Kruker, dass das WEF nicht als Ausrede, sondern als Chance gelten müsse. «Es gilt, mit diesem einen Monat die restlichen elf zu entwickeln.» Lobende Worte für das Investitionsklima im Kanton durfte Regierungsratspäsident Marcus Caduff entgegennehmen. Graubündens überschaubare Grösse mache das sicher einfacher, erklärte er.
Bei den statutarischen Geschäften wurde Reto Gurtner, Päsident der Weisse Arena AG, aus dem Vorstand verabschiedet sowie zum Ehrenmitglied ernannt, und die Versammlung verabschiedete einstimmig angepasste Statuten und eine Revision des Beitragsreglements.
Was macht «New Work» mit unserem Wohlstand?
Höhepunkt der Veranstaltung war die mit Spannung erwartete Podiumsdiskussion zu «New Work». Was darunter zu verstehen ist, erklärte zuerst Martina Müller-Kamp, Leiterin Marktleistungen bei der Graubündner Kantonalbank. Es sei eine Kombination von Digitalisation, Demografie und Wertewandel, die zu einer Modernisierung, Flexibilisierung und Humanisierung der Arbeitswelt führe. Mit «New Work» negativ in Zusammenhang gebracht werde die Teilzeitarbeit, die in der Schweiz tatsächlich zunehme. Zahlen von Müller-Kamp belegen das: Von 27 Prozent 1991 auf 38 Prozent im Jahr 2022. Deswegen wird aber nicht weniger gearbeitet, zeigten weitere Zahlen. Denn gegenüber von vor 30 Jahren gehen mehr Frauen einer Erwerbsarbeit nach. «Heute arbeitet sie oft 60 und er 80 Prozent. Das gibt zusammen 140 Prozent», zeigte sie den Unterschied auf. Gemäss Müller-Kamp ist der Wohlstand nicht durch «New Work», sondern durch den Wohlstand selbst gefährdet. Dazu zitierte sie ein Wort von Otto von Bismarck, nach dem die erste Generation Vermögen schaffe, die zweite und dritte immer weniger leiste, bis die vierte schliesslich vollends verkomme.
Lange Tage
Einen Versuch mit «New Work» hatten die Basler Krafft Hotels gewagt. «Wir folgten dabei einem häufig geäusserten Wunsch nach einer Viertage-Woche und führten diese in unseren Küchen ein», berichtete Sabine Auciello. «Es war organisatorisch nicht ganz einfach, weil dadurch auch Leerzeiten entstanden.» Ausserdem hätten viele entdeckt, wie anstrengend es sei, ein Wochenpensum in nur vier Tagen abzudecken. Mit dem Schlagwort «Jeder Chef bekommt die Mitarbeiter, die er verdient», trat Unternehmer Luzi Thomann in den Ring. Sie hätten Leistungsbereitschaft an klaren Grundsätzen gemessen, die regelmässig diskutiert worden seien, berichtete er. Die neue Generation, der oft eine ungenügende Leistungsbereitschaft vorgeworfen werde, sei extrem motiviert und engagiert, brach der erst 27-jährige Junghotelier Julian Matthijssen von der Privà Alpine Lodge Lenzerheide den Stab für seine Altersgenossen. Für ihn wie auch für Thomann ist die Unternehmenskultur der entscheidende Faktor. «Wenn man sich wohlfühlt, spielen die Stunden keine Rolle mehr, und man hilft sich gegenseitig.» Thomann fügte an, streng zu arbeiten habe noch niemandem geschadet, doch es gelte, eine Kultur der Leistungsbereitschaft zu schaffen. «Die ist erreicht, wenn die Mitarbeiter sich wohlfühlen.» Dem stimmte auch Müller-Kamp zu: «Attraktive Arbeitgeber haben keine Mühe, leistungsbereite Mitarbeitende zu finden.» Und auch Auciello schlug in die gleiche Bresche: «Es gilt, die Menschen am richtigen Ort miteinzubeziehen.»
Ganz Alte und ganz Junge
Kurz gestreift wurde noch die Frage, wie Leute länger im Arbeitsprozess gehalten werden könnten. Denn das hatte Müller-Kemp schon in ihrem Vortrag festgestellt: «Wer es sich leisten kann, geht in die Frühpensionierung.» Dem wurde entgegengehalten, dass Menschen auch im Ruhestand durchaus noch etwas tun wollten. «Dank unseres Rufes und unserer Unternehmenskultur kommen immer wieder Pensionierte für Teilzeitpensen zu uns», sagte Thomann. Noch einmal machte sich Matthijssen für die junge Generation stark: «Sie wollen auch ein Leben neben dem Beruf. Dafür müssen wir neue Modelle finden.» Ausserdem: «Wir haben einen tollen Beruf und sollten positiv darüber sprechen.»