Das lange Warten auf den Scheck
Rolf Brunner* war ein Verdingkind. Sein Vater starb, seine Mutter war mit dem siebten Kind schwanger – die Behörden griffen ein. Eine ganz normale Familie wurde auseinandergerissen. Als ob der Verlust des Vaters nicht schon genug schwierig gewesen wäre. Er und seine ältere Schwester wurden einem Bauern im Emmental zugeteilt respektive verdingt. «Mir ging es dort gar nicht so schlecht», sagt er. «Meine Schwester vertraute mir allerdings erst vor fünf Jahren an, dass sie vom Bruder des Bauern missbraucht wurde.»
Eine Entschuldigung
Brunner stammt ursprünglich aus dem Kanton Bern. Seit ein paar Jahren wohnt er in Graubünden. Er war Beamter, obwohl er von dieser Kategorie wenig hält. «Irgendwann hatte ich aber genug von dieser Arbeit und wanderte nach Italien aus.» Im Jahr 1994 wurden grosse Teile des Piemonts überschwemmt. Brunner verlor bei dieser Umweltkatastrophe sein ganzes Weingut. Und kehrte heim in die Schweiz, zuerst nach Bern.
Uns nimmt man in Bern doch einfach nicht ernst.» Rolf Brunner, Verdingkind
Das war vor zwölf Jahren. «Damals fing man gerade so mit der Aufarbeitung des Unrechts gegenüber Verdingkindern und administrativ Versorgten an», sagt Brunner. Es habe ihn etwas durchgeschüttelt, erst dann habe er nämlich gemerkt, dass er seine Vergangenheit lange Jahre erfolgreich verdrängt habe. «Ich engagierte mich im Verein Netzwerk-verdingt», sagt Brunner. Der Verein wurde in Bern von ehemaligen Verdingkindern gegründet. Er ist politisch und konfessionell neutral. Und vertritt die Anliegen der Betroffenen gegenüber den Institutionen. «Damals im April 2013, als sich Bundesrätin Simonetta Sommaruga im Namen der Schweizer Regierung bei uns entschuldigt hat, habe ich ihr sogar die Hand geschüttelt», erzählt Brunner. Wer aber jetzt glaubt, Brunner sei stolz auf diesen Händedruck, täuscht sich. Er nimmt ihr die Entschuldigung nicht mehr ab. Denn spätestens seit dem Debakel bei den Auszahlungen der Solidaritätsgelder sagt er: «Uns nimmt man in Bern doch einfach nicht ernst.»