Das gelbe U-Boot ist auf grosser Fahrt nach Paris
von Andreas Werz
Es ist bereits 55 Jahre her, als an jenem Sonntag im Frühling 1967 auf dem Rasen des El Madrigal in der Kleinstadt Villarreal in der spanischen Provinz Castellón Spieler in knallgelben Trikots freudetrunken auf dem Rasen tanzten und sich in der gelbbemalten und 23 500 Plätze fassenden Fussballarena Fans in den Armen lagen. Der FC Villarreal war an diesem Tag in die dritte Division aufgestiegen und der Stadionsprecher heizte die Party mit «Yellow Submarine» von «The Beatles» an – der Klub hatte seinen Spitznamen: das gelbe U-Boot.
Es fuhr in den folgenden Jahrzehnten in unruhigen Gewässern und tauchte oft auf und ab. Der Verein stand im Schatten von Erzrivale FC Valencia und pendelte zwischen der dritten und ersten Spielklasse. An rauschende Fussballnächte in der Europa League oder gar in der Champions League dachte damals keiner. Das änderte sich mit dem Einstieg von Fernando Roig 1997. Der heutige 75-Jährige verliess den Vorstand des FC Valencia im Unfrieden und liess sich rund 60 Kilometer nördlich zum Präsidenten des FC Villarreal wählen. Roig ist Eigentümer einer Keramikfirma, hält neun Prozent einer Supermarktkette, die sein Bruder Juan leitet, dazu ist er an einem Unternehmen für Windenergie beteiligt.
Fokus auf den Nachwuchs
Mehrheitsaktionär Roig übernahm das gelbe U-Boot in der zweithöchsten Liga, investierte klug und entpuppte sich als Visionär. Er liess ein Trainingsgelände erbauen, das zu den modernsten Europas zählt. Auf 70 000 m² befinden sich ein 5000 Zuschauer fassendes Stadion, zehn Natur- und Kunstrasenfelder sowie 20 Umkleidekabinen für die verschiedenen Aktiv- und Juniorenteams. Sie können auf dem Areal übernachten, werden verköstigt und medizinisch betreut.
– Fernando Roig, Präsident von Villareal
Roig, mit der Kunstmalerin Elena Negueroles verheiratet und zweifacher Vater – Sohn Fernando ist ebenfalls für den Klub tätig – liegt die Nachwuchsförderung am Herzen. Der Verein beschäftigt hervorragende Juniorentrainer und betreibt weltweit ein ausgesprochen erfolgreiches Scouting. Immer wieder entdeckt der Verein Talente und formt diese zu Stars. «Der Verein besitzt starke Strukturen und ist robust», sagte Roig kürzlich, um stolz anzufügen: «Und er verfügt über die vielleicht beste Mannschaft seiner Geschichte.»
Kleines Budget, hohe Effizienz
Finanziell kann der Klub mit den Grossen der Branche nicht mithalten. Villarreals Budget für die Saison 2021/2022 beträgt 138 Millionen Euro, Konkurrenten wie Borussia Dortmund (400 Millionen), Paris Saint-Germain (540 Millionen), Bayern München (570 Millionen), Manchester United (655 Millionen) oder der FC Barcelona (765 Millionen) haben wesentlich mehr in der Schatulle. Mit Innovation, List, taktischem Kalkül und Effizienz fügt Villarreal hochdotierten Gegnern seit Jahren aber immer wieder schmerzhafte Niederlagen zu – zuletzt Bayern München. Nicht die erfolgsverwöhnten Deutschen stehen im Halbfinal der Champions League dem FC Liverpool gegenüber, sondern das gelbe U-Boot, das gerne nach Saint-Denis bei Paris fahren würde, wo am 28. Mai im Stade de France das Endspiel stattfindet.
Genialer Schachzug mit Emery
Verwegen ist das nicht, denn der Tabellensiebte der Primera División ist ein unbequemer und taktisch geschickt auftretender Rivale, der blitzschnelle Konter fährt und oft Effizienz beweist. Mit der Verpflichtung von Trainer Unai Emery ist Roig im vergangenen Jahr ein genialer Schachzug gelungen.
Der 51-jährige Baske, zuvor bei Arsenal nach sieben sieglosen Partien entlassen und davor bei Paris Saint-Germain auf der internationalen Bühne glücklos, führte Villarreal auf Anhieb zum Triumph in der Europa League – der bislang einzige Titel des Vereins, der am 10. März 2023 seinen 100. Geburtstag feiern wird. In einem denkwürdigen Final in Danzig rang der Aussenseiter Manchester United 11:10 im Elfmeterschiessen nieder.
Vergessen waren die bis anhin bittersten Niederlagen in einem europäischen Wettbewerb: 2006 scheiterte Villarreal im Halbfinal der Champions League an Arsenal – in der Nachspielzeit verschoss der Argentinier Juan Román Riquelme einen Penalty. Zehn Jahre danach winkte das Endspiel in der Europa League in Basel. Auf dem Weg nach St. Jakob stolperte das Team über Liverpool. Der Final ging letztlich an den FC Sevilla – mit Emery als Trainer.
Defensive ist Trumpf
Viermal gewann Emery bereits die Europa League – dreimal in Folge mit Sevilla (2014, 2015, 2016) und im Vorjahr eben mit Villarreal. Das hat vor ihm noch kein Trainer geschafft. Nun will der einst mässige Fussballer, dessen Vater und Grossvater bekannte Torhüter gewesen waren, mit Villarreal die Champions League stürmen.
– Unai Emery, Trainer von Villareal zum Duell gegen Liverpool
Nach Juventus und Bayern München wartet mit Liverpool das dritte Grosskaliber auf dem Weg nach Saint-Denis. «Wir sind bereit», sagt der gewiefte Taktiker Emery im Hinblick auf das Duell mit den Engländern. Seine Trümpfe sind eine ausgesprochen starke Defensive um die beiden Verteidiger Pau Torres und Juan Foyth, das schnelle Umschaltspiel, der spielstarke argentinische Aufbauer Giovani Lo Celso, der spanische Nationalstürmer Gerard Moreno und Arnaut Danjuma, der linke Flügel aus Holland, mit sechs Treffern bester Schütze des Teams in der laufenden Champions League.
13 aktuelle A-Nationalspieler stehen im Kader von Villarreal, dessen Marktwert auf 382 Millionen Euro geschätzt wird. Roig und Emery haben Beachtliches geschaffen in einer Stadt, die gerade mal 50 000 Einwohner zählt, 19 000 davon sind eingeschriebene Mitglieder des Vereins. Egal ob das gelbe U-Boot gegen Liverpool ab- oder auftaucht: Der FC Villarreal ist bereits ein Fussballmärchen.