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Schweiz & Welt

Der Seehof wird für zwei Monate koscher

Barbara Gassler
18.06.2023, 06:59 Uhr
gestern um 12:16 Uhr

Vor solch einer Entscheidung stand im Mai Tobias Homberger, Direktor des Hotels Seehof, der zu diesem Zeitpunkt nach einem zweijährigen Unterbruch wieder in den Betrieb zurückgekehrt war. «Die Auslastung über den Sommer konnte in den beiden vorangegangenen Jahren die Kosten nicht decken. Darum dachte die Leitung der Betreibergesellschaft, die Hotelkette Precise Hotels und Resorts aus Berlin, daran, das Haus während der grünen Saison zu schliessen.» Ein Vorschlag, der Homberger Sorgen bereitete. «Das hätte bedeutet, alle Mitarbeitenden zu entlassen. Gute Leute, die ich im Herbst nicht wieder bekommen hätte.» Also sann er auf Abhilfe. Da kam es sehr gelegen, dass eine auf jüdische Gäste ausgerichtete Reiseagentur während der Monate Juli und August ein Haus zu mieten suchte. Und das Angebot war durchaus attraktiv. «Sie bezahlen den dreifachen Preis dessen, was ich sonst zu dieser Jahreszeit erzielen könnte.»

Den Wünschen anpassen

Dagegen steht der Aufwand, der mit einem koscher geführten Betrieb einhergeht. «Das habe ich schon mehrfach erlebt», winkt Homberger ab. «Der ist überschaubar.» Die Reiseagentur bringe vieles schon mit. Dazu gehöre ein Rabbi, der die Einhaltung der religiösen Regeln überwache und die während der Vorbereitungen zur Reinigung notwendigen Zeremonien vornehme. «Der Seehof ist grund-sätzlich für einen koscheren Betrieb ideal, da wir über insgesamt vier Küchen verfügen.» Zwei davon werden über den Sommer offen gehalten. «In der einen werden dann halt die den jüdischen Geboten entsprechend ‹fleischigen› und in der anderen die ‹milchigen› Speisen zubereitet.» Zur Vorbereitung der Küche reiche eine ausführliche Grundreinigung mit einem speziellen Augenmerk auf Überresten möglicher «falscher» Nahrungsmittel. Auch das Geschirr kann nur in der einen oder anderen Küche verwendet werden. «Das muss dann halt einfach zu unterscheiden sein. Etwa indem in der einen nur eckige und in der anderen nur runde Teller verwendet werden.» Abgeschlossen wird die Vorbereitung von einer rituellen Reinigung durch den Rabbiner. «Anschliessend wird das grösste Problem sein, dass jemand aus Vergesslichkeit mit dem ‹falschen› Nahrungs­mittel in die ‹falsche› Küche spaziert», berichtet Homberger aus der Erfahrung. «Da muss man die Leute begleiten und ein Augenmerk darauf haben.» Ansonsten sei ihre Tätigkeit für die Mitarbeitenden nicht anders als für alle anderen Gäste. «Sie sind es sich ja gewohnt, sich ständig an neue Gepflogenheiten und Wünsche anzupassen. Das ist es doch genau, was unseren Beruf so spannend macht.»

Personal sensibilisieren

Für gewisse Tätigkeiten, die von Nicht-Juden für jüdische Gäste nicht ausgeführt werden dürfen – so zum Beispiel das Aufschlagen von Eiern oder das Öffnen des Weines – werde von der Agentur gestelltes Hilfspersonal bereitstehen, berichtet Homberger weiter. «Auch den Chefkoch und viele koschere Lebensmittel bringt das Reiseunternehmen mit. Das heisst für unser Küchenpersonal, dass sie einfach nach den jüdischen Speisegeboten entsprechenden Rezepten kochen werden.» Es bedeutet aber auch, dass im Hotel Seehof während dieser Zeit ausschliesslich koscher gegessen wird. «Das Personal freut sich auf diese spannende sowie spezielle Erfahrung und ich mich auf Spezialitäten, die ich sehr mag, wie etwa ‹gefillte Fisch›.»

Flexibilität sei auch am Sabbat im Umgang mit elektronischen Systemen wie etwa Türschliessern gefragt. Dem Feuerverbot ihrer Religion entsprechend dürfen sie von Menschen jüdischen Glaubens an diesen Tagen nicht bedient werden. «Da werden wir unser Personal halt sensibilisieren, dass es Türen nicht ins Schloss ziehen darf und wo nötig vermehrt für Handreichungen bereitsteht.»

Noch Diskussionsbedarf

Während man sich im Seehof auf die erwarteten täglich rund 200 jüdischen Gäste freut, drängt sich die Frage auf, wie mit den üblicherweise öffentlichen Restaurants umgegangen werden soll. «Das ist noch nicht abschliessend ausdiskutiert», sagt Homberger. Da das Hotel von der Agentur vollständig gemietet werde, stelle sich die Frage, wie die Bewirtung externer Gäste finanziell abgewickelt werde. «Ein Bedarf besteht durchaus. Denn jüdische Gäste sind absolut bereit, Geld auszugeben. Vorausgesetzt sie finden das ihnen entsprechende koschere Angebot.»

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