Zum Hauptinhalt springen
Schweiz und Welt

«Dann ist das krank machender Wettkampf»

Davoser Zeitung
12.03.2022, 07:10 Uhr
heute um 12:16 Uhr

Der Schweizer Biathlet Benjamin Weger sagte: «Es kann doch nicht sein, dass man an einem Ort wie hier, wo man weiss, dass es arschkalt und verdammt windig ist, Biathlonrennen macht.» Der deutsche Langläufer Lucas Bögl berichtete, dass er Kältecremes nach Peking genommen habe. Die Olympischen Spiele waren gerade für Ausdauersportler eine Herausforderung. Kälte, Wind und trockene Luft – der ehemalige Schweizer Olympia-Arzt Beat Villiger erklärt, was das bedeutet.

BT: Beat Villiger, inwiefern waren die tiefen Temperaturen in Peking für die Athleten problematisch?

Beat Villiger: Grundsätzlich ist die Kälte für den Gesamtkörper ein Problem. Zwei Organe sind allerdings besonders exponiert. Zum einen der Respirationstrakt, von der Nase bis zu den Lungenbläschen. Zum anderen die Haut und die Extremitäten. Im Wintersport ist primär die Lunge betroffen. Spitzensportler trainieren viel an kalter Luft, mit grossem Luftumsatz. Die Lungenbelastung ergibt sich aus der Formel «Minusgrade x Atemvolumen».

Was zum sogenannten Sportlerasthma führen kann.

Genau. Die Kälte löst bei Personen mit Asthma oder Veranlagungen dazu einen Asthmaanfall aus. Es sind aber nicht nur Asthmatiker gefährdet. Viele Spitzensportler, die regelmässig an der Kälte trainieren, entwickeln eine asthmaähnliche Reaktion. Es handelt sich dabei um eine Entzündung der Bronchien, die schliesslich einen ähnlichen Effekt hat wie bei einem Asthmatiker: ein Bronchialkrampf, ein Asthma-anfall mit zusätzlichem Husten. Interessant ist: Während Asthma nicht heilbar ist, verschwindet das Sportlerasthma rund drei Jahre nach der Karriere.

Weshalb sind primär Ausdauersportler vom Kälteproblem betroffen?

Das hängt mit zwei Faktoren zusammen. Erstens sind sie sehr lange und intensiv mit der kalten Luft in Kontakt. Zweitens pumpen sie sehr grosse Volumina, zig Liter pro Minute, der kalten Luft in die Lunge. Diese Menge lässt sich nicht mehr durch die Nase einatmen, sondern durch den offenen Mund. Es handelt sich dabei um sehr kalte und sehr trockene Luft.

Welchen Einfluss hat diese Trockenheit?

Sie ist ein zusätzlicher Reizfaktor, weil sie in den Bronchien den natürlichen Schleim austrocknen lässt. Das kann gerade in der Kälte einen Asthmaanfall mit Husten begünstigen. Zudem schwächt die Austrocknung der Schleimhäute deren Funktion als erste Abwehrfront gegen Viren und Bakterien.

Ende November wurde das Weltcuprennen der Langläuferinnen in Ruka wegen tiefer Temperaturen verschoben. Machen solche Massnahmen Sinn?

Es geht hier um die Gesundheit der Athletinnen und Athleten. Man weiss, dass ein Ausdauerwettkampf bei Tempera-turen unter minus 20 Grad reichen kann, um zum «Sportasthmatiker» zu werden. Von dieser Entzündung erholt man sich nicht so schnell wieder. Mir ist bewusst, dass Medien, Sponsoren und andere ­Stakeholder wenig Freude an solchen Verschiebungen haben. Aber man muss es ganz klar sagen: Ein Wettkampf unter solchen Bedingungen ist ein krank ­machender Wettkampf.

Vor den Sommerspielen in Tokio war die Hitze das grosse Thema. Viele Sportler trainierten zuvor in Hitzekammern. Ist eine Vorbereitung in der Kältekammer sinnvoll?

Im Gegenteil. Es gilt den Kontakt mit der kalten Luft auch im Training auf ein ­Minimum zu reduzieren. Jede Exposition bedeutet ein zusätzliches Risiko und wirkt kontraproduktiv.

Wie kann sich ein Athlet entsprechend vorbereiten?

Wichtig ist, vernünftig zu trainieren. Heisst: besser am Nachmittag statt am Morgen. Kürzere Intervall- oder wenig intensive Ausdauereinheiten – dies gilt auch für Hobbysportler. Zudem Masken, die die ausgeatmete Wärme und Feuchtigkeit zurückgeben, und warme Kleidung. Dazu kommt die konsequente medikamentöse Prävention bei allen Asthmaformen. Im Wettkampf lohnt es sich, die Gesichtshaut zu schützen und sich in der Wärme einzulaufen. Neben der Inhalation von Salzlösungen macht auch das Befeuchten von geheizten Räumen Sinn.

Von Roman Michel, Nachdruck mit freundlicher Genehmigung des Bündner Tagblatts.

Der Standort Davos nimmt in der Forschung zum Thema Spitzensport und Asthma eine wichtiger Rolle ein. Aus der sportmedizinischen Abteilung des Spitals Davos (Davos Sports & Health) und dem international bekannten Schweizerischen Institut für Allergie- und Asthmaforschung (SIAF) ist 2020 das Swiss Research Institute for Sports Medicine (SRISM) entstanden. Es widmet sich wichtigen Fragen der Sportimmunologie und arbeitet eng mit Swiss Olympic, nationalen Klubs sowie Verbänden wie dem HC Davos und Swiss Ski zusammen. (rmi)

Mehr zum Thema: Sport
«Dann ist das krank machender Wettkampf» | Südostschweiz