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Schweiz & Welt

Luftig leichte Davos Debatten

Barbara Gassler
24.07.2024, 07:00 Uhr
gestern um 12:16 Uhr

Die Debatten unter dem Motto «Im Zeichen der Mobilität: Vom Bauerndorf zur Weltstadt» waren zuerst einmal eine Lektion in Geschichte, in der die Mobilität eine zentrale Rolle spielt. Moderator Stefan Flury führte mit den ersten Wanderbewegungen der Walser hinaus aus ihrem Tal ins Thema ein. «Irgendwann hatten sie genug vom Herumziehen und blieben sesshaft», schloss er und übergab an den Davoser Landammann Philipp Wilhelm. Dieser setzte 1436 bei der Gründung des Zehn-Gerichte-Bunds an. Aus gemeinsamen militärischen Aktionen mit dem Grauen und dem Gotteshausbund sei 1524 dann der Freistaat hervorgegangen, und man habe sich eine Verfassung gegeben, sagte dieser. Für die Davoser Walser sei neben der Landwirtschaft der Handel ein wichtiger Erwerbszweig gewesen. «Demnach gab es für sie viele Gründe für Mobilität. Sie ist Teil unserer Geschichte». Die Bündner Regierungsrätin Carmelia Maissen erinnerte anschliessend an die beschwerlichen Wege, die die Ratsboten von einst hatten auf sich nehmen müssen. «Meine Reise von Castrisch hierher dauerte heute gerade mal zwei Stunden.» Doch die Verkehrswege hätten schon damals grosse Bedeutung gehabt, und bereits früh habe man den Unterhalt in noch heute gültigen Vorschriften geregelt. Ausserdem hätten die im Freistaat möglichen Referendums- und Initiativmöglichkeiten Einfluss auf die Ausgestaltung der heutigen Schweizer Demokratie gehabt. «Darauf dürfen wir stolz sein.» Den Abschluss der Geschichtsstunde machte Florian Hitz vom Institut für Kulturforschung, der die Jahrhunderte ebenfalls vom Gesichtspunkt der Mobilität aus betrachtete. Zusammenfassend kam er zum Schluss: «Die Bündner haben ihr Wirtschaftssystem umgekehrt. Anstatt in die Fremde zu gehen und Geld heimzubringen, holen sie jetzt die Fremden hierher, damit sie ihr Geld hier lassen.»

Persönliche Geschichten

Im zweiten Teil debattierte ein bunt zusammengesetztes Podium genau so vielfältig über Mobilität. Wilhelm zum Beispiel erzählte mit einem Augenzwinkern, wie Monstein im Lawinenwinter 1999 währen eineinhalb Wochen von der Aussenwelt abgeschnitten geblieben sei. «Der Helikopter brachte die Grundnahrungsmittel. Doch das Bier?» Ein Jahr später sei die Monsteiner Brauerei gegründet worden. Auch Flury konnte eine Mobilitätsgeschichte zum Besten geben: «Auf der Schülerreise fiel mir auf der Heimfahrt der Rucksack aus dem Fenster.» Er sei weinend zu Hause gelandet, doch die zuverlässige RhB habe den Rucksack in einem Tunnel zusammengelesen und ihn am nächsten Tag zurück an den Besitzer spediert. Die RhB diente auch als Beispiel, als es darum ging, die Unterschiede zwischen heute und Gestern beim Bau von Verkehrswegen zu verdeutlichen. Es sei äusserst kompliziert geworden, wurde bedauert. «Ich weiss nicht», meldete sich da Maissen zu Wort. Bei Trun habe es einst zwei verfeindete Hausbesitzer gegeben. Der eine habe dafür gesorgt, dass dem anderen die Strasse unmittelbar vor das Haus gelegt wurde, worauf sich der Andere sich mit dem Zug fast durch den Vorgarten revanchiert habe. «Wollen wir diese Art von Planung wirklich?» Von Umwegen wusste auch Flury zu berichten. «Die Malanser gaben den Klostersern 1899 Geld für den Bau der RhB. Im Gegenzug dafür erwirkten sie einen Bahnhof in ihrem Dorf.» RhB-CEO Renato Fasciati gestand dagegen unerfüllte Träume: «Die Anbindung des Misox mit einer San Bernardino-Linie wäre wirklich schön gewesen.» Zufrieden mit der aktuellen Situation ist hingegen Daniel Wiedmer vom Davoser Verkehrsbetrieb: «Durch den Einbahnverkehr ist die VBD immer auf der Hälfte der Fahrten privilegiert. Das ist eine einfache und funktionierende Lösung.»

Szenenapplaus

Auch die Demokratie und deren Zustand kam zur Sprache. Bei dieser Gelegenheit wehrte sich Maissen gegen den beliebten Spruch «Ihr da, in…» Das stimme nicht, jeder und jede könne mitreden, widersprach sie und schloss: «Das ist ein einmaliges Recht, aber gleichzeitig eine Pflicht». Für diese Aussage erntete sie spontanen Applaus. Beim Punkt «Verkehrserschliessung abgelegener Gebiete» berichtete Leonie Barandun, Präsidentin der Walservereinigung Graubünden, von einer WhatsApp-Lösung im Safiental, über die man sich für Fahrten verabrede. «Walser wissen sich zu helfen.» Diese hätten überhaupt vieles richtig gemacht, fand sie. «Sie öffneten sich dem Wintertourismus und einem zweiten Einkommenszweig.» Christian Kindschi von Postauto Graubünden wiederum berichtete von den Herausforderungen, die bald zu lösen seien. Dazu gehöre die Automatisierung der Steuerung der Busse. Auf die ­Frage, wie schnell das denn gehen könne, wusste er eine einfache Antwort: «Sichern nicht zuerst zwischen Schiers und Schuders.» Fasciati ist da schon einen Schritt weiter. «Zwischen Landquart und Küblis fuhr schon einmal ein selbstfahrender Zug.» Dennoch sieht er die Zukunft im Führerstand der Lokomotiven eher bei ­digitalen Assistenzsystemen.

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