Glarner in Russland: Es läuft ein Putsch, doch wir müssen zu «Babuschka»
von Eugen von Arb*
Kleinkinder stellen unser Leben bisweilen ganz schön auf den Kopf, und das ist gut so – besonders in diesen düsteren Zeiten. Enrico heisst unser bestes Beruhigungsmittel. So auch am vergangenen Samstagmorgen, als wir uns überlegten, vor dem Putschversuch des berüchtigten Wagner-Chefs Jewgeni Prigoschin zu fliehen, der mit seinem Heer auf dem Weg nach Moskau war und drohte, einen Bürgerkrieg auszulösen.
Doch unser Sohn hatte sein Geburtstagsgeschenk von «Babuschka», Grossmutter Inna, noch nicht bekommen, und das war heilig. Statt Koffer zu packen und nach Tickets zu suchen, trabten wir brav bei Inna und Sascha an, nahmen dankend die Spielzeuge in Empfang, tranken Kaffee und assen Pfannkuchen dazu. Dazwischen ängstliche Blicke aufs Handy. Über den Putsch kein Wort. Am frühen Nachmittag wurden wir schwer bepackt entlassen.
«Schneewittchen» wird blass
Alles sprach für die Flucht: die Fragen beunruhigter Angehöriger in der Schweiz und Brasilien, der abgestürzte Rubelkurs und die hilflose Untätigkeit der russischen Regierung. Ich erinnerte mich an die Erzählung von Freunden, die sich während des Augustputschs 1991 auf der Datscha befanden und dass das sowjetische Fernsehprogramm plötzlich auf Programm «Schwanensee-Nonstop» umgestellt wurde. Nachrichtensperre total.
Seither, müsste man meinen, hätte sich einiges verändert. Doch so raffiniert die staatliche Propaganda normalerweise die Köpfe ihrer Zuschauer zurechtrückte – ihre Abhängigkeit von den Anweisungen des Kremls war geblieben –, schien ihr angesichts des anmarschierenden Söldnerheers einfach die Luft weggeblieben zu sein.