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Schweiz & Welt

Ein klares Ziel vor Augen

Davoser Zeitung
19.10.2023, 12:00 Uhr
11.05.2026, 12:16 Uhr

Im Winter dann stieg man vom Büdemji hinab in die Sertiger Halbjahresschule, die Gaudenz sicher mit wachem Interesse besuchte. Ein einziger Lehrer betreute viele Klassen und Stufen, was den Interessenskreis weitete und heute teilweise wieder als positiv bewertet wird. Nach der Schule oder über Mittag sauste man auf «Fassdauben», den Vorgängern des Skis, die Hänge hinab. Der Altjahrabend feierte man mit selbstgebackenem Birn- und Eierbrot und mit selbstangesetztem «Röteli», einem Liqueur aus getrockneten Kirschen. Schnitze und Dörrbirnen, Kirschen und auch der Wein mussten gekauft werden. Die allwinterliche Hausmetzg brachte eigenes Bindenfleisch und herrliche, nach «Maseran» (Majoran) duftende Lebersalsize. Und wiederum in Selbstversorgung entstand die meiste Bekleidung. Aus der selbstgesponnenen Wolle der eigenen Schafe und auf dem Webstuhl in der Kammer entstand das Tuch zum «sälbgmachetä Hääs». Das Hochzeitskleid begleitete die alten Davoser sehr oft bis in den «Baum», was bei den Walsern Sarg bedeutete. Die früheren Winter seien oft so schneereich gewesen, dass einmal eine ganze Beerdigung mit Ross und Wagen über einen Zaun gefahren sei, ohne dies zu bemerken, ja, hie und da habe es so viel Schnee gehabt, dass man die Toten vorläufig im Schnee «begrub» und sie erst im Frühling in die Erde brachte. Solches ist jedoch nicht verbürgt. An Sonntagen wurde vielleicht neben andern Spielen auch das selbstgezeichnete Zahlenlotto aus seiner bunten Schachtel hervorgeholt.

Die eindeutige Berufsneigung

Mit einem selbstgemalten und in bester Frakturschrift geschriebenen Glückwunsch erfreute der fünfzehnjährige Jüngling seine Eltern am Neujahrstag 1868. Im anderen Frühling wurde er von Pfarrer Johann Melchior Ludwig im Frauenkirchli konfirmiert. Fein säuberlich ist sein Konfirmandenspruch mit brauner Tinte am 26. März 1869 auf dem barock- verzierten Zettel vermerkt: «Wer meine Rede höret und thut sie, den vergleiche ich einem klugen Manne, der sein Haus auf einen Felsen bauete.» Und das Bauen im irdischen Sinne, das Gestalten und Werken mit Holz und mit Stein, kurz, das Baufach, schwebte dem nun Erwachsenen klar und zwingend als Lebensberuf vor. Mit dem Gefühl für Holz war er aufgewachsen, der lebendige Werkstoff Holz hatte ihn von Kind an begleitet. In seiner Lehre als Zimmermann und Schreiner versah er schon 1871 einen eigenen Hobel mit Name und Jahrzahl in feinstem Kerbschnitt. Dieses Handwerksgerät sollte recht eigentlich zum Symbol seines Lebenswerkes werden. Bald war sein heimliches Wunschziel der Besuch einer Bauschule. In harter Taglöhnerarbeit sparte er sich emsig Geld zu Erfüllung dieses Traumes. Weil das alte Büdemjihaus nach und nach baufällig wurde, liess sein Vater Sebastian das neue gemauerte Haus 1875 unter Mithilfe seines Sohnes Gaudenz, der nun Schreiner und Zimmermann war, erbauen. Bau- und Möbelschreiner Andreas Bernhard von Wiesen bescheinigt im März 1876, dass er bei ihm als tüchtiger Meister gearbeitet habe. Auch Hans Taverna von Frauenkirch «recomandirt» ihn und lobt einen von ihm erstellten Bau mit Stall, Remise, Tanzsaal, Schenklokal und Kegelbahn, «planisiert und zur vollsten Zufriedenheit ausgeführt. In einem weiteren Zeugnis attestiert Paul Müller dem jungen Berufsmann solide Leistung bei sämtlichen Zimmermanns- und Schreinerarbeiten an seinem neuerstellten Wohnhaus.

Aus dem Buch «Gaudenz Issler (1853 – 1942): Baumeister und Land­ammann: ein Davoser Lebensbild» von Leni Henderson-Affolter, erschienen 1979

Das Leben von Gaudenz Issler, Teil 2

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