Auf zur Medaillenjagd im Springreiten im Hexenkessel von Aachen
Die Schweizer Springreiter gehören an der WM in Aachen zu den Medaillenkandidaten. Primär gilt es aber, das Ticket für die Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles zu lösen.
Aachen ist für die Schweizer Springreiter ein Ort mit guten Erinnerungen. Vor elf Jahren sicherten sie sich vor 50'000 Zuschauern in einer dramatischen Entscheidung EM-Bronze und mit dem letzten Ritt doch noch die Qualifikation für die Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro. Nun soll das Reitsport-Mekka der Schweiz erneut Glück bringen.
Wenn am Mittwoch die Weltmeisterschaft der Springreiter beginnt, ist die Zielsetzung der Equipe klar. «Wir wollen uns für die Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles qualifizieren», betont Equipenchef Peter van der Waaij. Dafür muss die Schweiz zu den besten sieben Nationen gehören. Weil die USA als Olympia-Gastgeber gesetzt sind, ist die Ausgangslage zusätzlich günstig, eventuell reicht sogar Platz 8.
Alles andere als die direkte Qualifikation wäre für die Schweiz eine Enttäuschung. Allerdings ist sie gewarnt. Sowohl vor Rio 2016 als auch vor Paris 2024 verpasste sie die erste Gelegenheit und musste den Umweg über die EM im Folgejahr nehmen, wie 2015 in Aachen, als es richtig eng wurde.
Guerdat reist mit einem Sieg an
In Aachen setzt Van der Waaij auf eine Mischung aus geballter Erfahrung und zwei Championats-Neulingen. Steve Guerdat reitet Dynamix, Martin Fuchs Conner Jei. Ergänzt werden die beiden Routiniers von Jason Smith mit Picobello und Gaëtan Joliat mit Chelsea. Alain Jufer mit Chaccoo ist der Reservist.
Mit Guerdat und Fuchs verfügt die Schweiz über zwei Reiter, die an einem guten Tag nicht nur das Team aufs Podest führen, sondern auch im Einzel um die Medaillen kämpfen können. Guerdat reist zudem mit einem besonderen Erfolgserlebnis nach Deutschland. Vor zehn Tagen gewann der 44-Jährige mit Iashin Sitte den Millionen-Grand-Prix in Dublin.
An der WM sitzt Guerdat wieder auf Dynamix. Mit der Stute gewann er 2023 in Mailand EM-Gold und 2024 in Paris Olympia-Silber. Seine Form stimmt, sein Pferd kennt die grossen Aufgaben, und Guerdat weiss ohnehin, wie man an einem Championat über mehrere Tage hinweg vorne bleibt.
Dasselbe gilt für Fuchs. Der Zürcher gehört seit Jahren zur Weltspitze und ist bei Grossanlässen immer für eine Medaille gut. Auch das Stadion von Aachen liegt ihm. Im vergangenen Jahr gewann er dort den prestigeträchtigen Grand Prix, damals allerdings mit Leone Jei. An der WM ist Conner Jei sein Partner.
Schon 2018 gemeinsam auf dem Podest
Wie konkurrenzfähig das Schweizer Duo an einer WM sein kann, zeigte sich 2018 in Tryon in den USA. Damals gewann Fuchs mit Clooney Silber, Guerdat mit Bianca Bronze.
Diese beiden Medaillen stechen in der Schweizer WM-Geschichte heraus. Denn trotz ihrer grossen Tradition fällt die Bilanz der Schweizer Springreiter an Weltmeisterschaften erstaunlich bescheiden aus. Vor Tryon hatte die Schweiz im Einzel keine WM-Medaille gewonnen. Auch mit der Mannschaft steht erst eine Medaille zu Buche: 1994 holte man in Den Haag Silber.
Entsprechend gross wäre die Bedeutung eines Schweizer Podestplatzes in Aachen. Den Fokus bei den möglichen Schweizer Medaillenkandidaten einzig auf Guerdat und Fuchs zu legen, ist womöglich falsch. Die Experten der «PferdeWoche» tippen auf einen Bronzeplatz von Jason Smith. Das Fachmagazin hat die Tipps zudem von KI-Modellen berechnen lassen. «Claude» sieht Guerdat im 3. Rang, «ChatGPT» führt Martin Fuchs auf Platz 7 als besten Schweizer auf.
Vogel ist Favorit
Die Chancen auf Medaillen sind intakt, die Konkurrenz allerdings ist gewaltig. Zu den meistgenannten Anwärtern auf Einzel-Gold gehört Richard Vogel. Der Deutsche tritt mit United Touch an und kennt das Gefühl, im riesigen Aachener Stadion ganz oben zu stehen. Ende Mai gewann das Paar den Grand Prix von Aachen.
Ebenfalls ganz oben auf der Favoritenliste steht Grossbritannien. Die Briten reisen als Olympiasieger von Paris mit einer Equipe an, die sowohl mit der Mannschaft als auch im Einzel Gold gewinnen kann. Ben Maher mit Point Break und Scott Brash mit Hello Mango zählen zu den prominentesten Namen. Maher verfügt als Olympiasieger von Tokio über enorme Championats-Erfahrung, Brash gehört seit Jahren zur absoluten Weltspitze.
Und dann ist da Henrik von Eckermann. Der Schwede tritt als Titelverteidiger an, nachdem er 2022 Weltmeister geworden ist. Anders als bei seinem Titelgewinn sitzt er in Aachen jedoch nicht auf seinem langjährigen Erfolgspferd King Edward, sondern auf Minute Man.
Auch Deutschland, Frankreich und die USA gehören im Kampf um die Team-Medaillen zum engsten Kreis. Für die Schweiz wird deshalb schon die Mannschaftsentscheidung zum Härtetest.
Erst das Team, dann der Einzel-Traum
Die WM beginnt am Mittwoch mit dem Zeitspringen. Die Resultate fliessen bereits in die Mannschafts- und Einzelwertung ein. Danach folgen die beiden Runden der Team-Entscheidung am Donnerstag und Freitag, ehe am Sonntag die besten Einzelreiter in zwei weiteren Umgängen (Top 25, dann Top 12) um die Medaillen kämpfen.
Die WM 2026 in Aachen soll wie die EM 2015 an gleicher Wettkampfstätte erfolgreich enden, aber ohne Zitterpartie. Vor elf Jahren musste Schlussreiter Paul Estermann unter höchstem Druck fehlerfrei bleiben, um das Olympia-Ticket für Rio zu sichern. Er hielt stand. Danach patzten auch noch Konkurrenten, und aus der Zitterpartie wurde unverhofft eine Bronzemedaille.