Auf seine eigenen Stärken besinnt
Charles Leclerc steckt in der wohl grössten Krise seiner Karriere. Umso wichtiger ist der Sieg in Silverstone, der erste seit 623 Tagen. Ferraris Hoffnungsträger hat wieder zu sich selbst gefunden.
Nach Wochen der Selbstzweifel und zuletzt mageren Ergebnissen hat Charles Leclerc in Silverstone offenbar den entscheidenden Schalter umgelegt. Der Monegasse wirkt nicht nur sportlich wieder erstarkt, sondern auch mental gefestigter. Genau dieser Wandel könnte sich als Schlüssel zu seinem Befreiungsschlag beim Grand Prix von Grossbritannien erwiesen haben.
Am Samstag, also am Tag vor seinem ersten Sieg seit über 20 Monaten, sprach Leclerc offen darüber, dass er zuletzt an einem Punkt stand, an dem er seine eigene Herangehensweise hinterfragte. Im direkten Vergleich mit Teamkollege Lewis Hamilton hatte Leclerc zeitweise versucht, dessen Setup, also die Abstimmung des Autos für bestimmte Bedingungen und Strecken, zu übernehmen, allerdings mit durchwachsenem Erfolg.
Rückkehr zu alter Stärken
«Ich hatte vor kurzem zwei Ansätze», erklärte Leclerc rückblickend. "Auf der einen Seite habe ich versucht, meinen Fahrstil anzupassen und das, was Lewis macht, zu reproduzieren. Schliesslich funktioniert das eindeutig. Oder ich pushe weiter in meine Richtung und versuche, einen Weg zu finden, mit dem das Auto besser zu meinem Fahrstil passt.“
Für Silverstone entschied sich Leclerc bewusst für den zweiten Weg. Eine Rückkehr zu dem, was ihn in der Vergangenheit stark gemacht hatte, ein klarer Bruch mit der Idee, sich am Setup des erfolgreicheren und mit sieben WM-Titeln hochdekorierten Teamkollegen zu orientieren. «Ich habe letzteren Weg eingeschlagen. Das bedeutet: Nutze das, von dem du weisst, dass es in der Vergangenheit funktioniert hat, und versuche, einen Weg mit all den Werkzeugen zu finden, die dir in diesem Auto zur Verfügung stehen», so der Ferrari-Fahrer.
Plötzlich im Schatten des Teamkollegen
Dieser Entscheid fiel in einer Phase, in der Leclerc sportlich immer stärker unter Druck geriet. Noch eine Woche zuvor hatte sich der 28-Jährige nach dem 8. Rang im Grand Prix von Österreich frustriert gezeigt. Er sprach von einem Rennen, in dem er «nicht viel zu tun» gehabt habe, da er «entweder aussen oder innen überholt» worden sei. Das so wichtige Vertrauen in das Auto fehlte ihm offensichtlich.