Audrey Werro und Dutzende gekrönte Häupter
9 Olympiasieger, 11 Weltmeister und 14 Europameister: Die Athletissima versammelt am Freitag in Lausanne fast alles, was Rang und Namen hat. Die wichtigsten Fragen samt Antworten.
Was ist das Highlight der Athletissima?
Aus Schweizer Sicht gibt es darauf nur eine Antwort: Audrey Werro über 800 m. Die Freiburgerin wird um 21.32 Uhr den sportlichen Schlusspunkt des Abends setzen. Eine Woche nach ihrem denkwürdigen Auftritt bei der EM in Birmingham trifft sie auf Femke Broeders-Bol und Weltmeisterin Lilian Odira aus Kenia. Die Olympiasiegerin Keely Hodgkinson hingegen spart sich das dritte Duell gegen die Europameisterin für Weltklasse Zürich auf.
Im Raum steht sogar die Frage, wie nahe Werro dem ältesten und umstrittensten Weltrekord der Frauen-Leichtathletik kommen kann. Seit 1983 hält die Tschechin Jarmila Kratochvilova die Bestmarke von 1:53,28 Minuten. Zweimal hat die Freiburgerin heuer schon die Marke von 1:54 geknackt.
Welche Schweizer Medaillengewinner von Birmingham stehen am Start?
Alle sieben. Die beiden anderen Goldmedaillengewinner von Birmingham, Angelica Moser und Jason Joseph, treffen auf stärkere Konkurrenz als noch vor Wochenfrist. Im Stabhochsprung der Frauen sind die Australierin Nina Kennedy sowie die Amerikanerinnen Katie Moon und Sandi Morris am Start. Über 110 m Hürden hat Joseph eine schwere Aufgabe vor sich. Der Basler trifft auf die Amerikaner Ja'Kobe Tharp und Jamal Britt. Die beiden sind die Einzigen, die in dieser Saison unter 12,90 Sekunden geblieben sind. Tharp senkte den Weltrekord sogar auf 12,75 Sekunden.
Simon Ehammer, Dominic Lobalu und die Frauen-Staffel holten in Birmingham Silber. Im Weitsprung misst sich Ehammer mit Miltiadis Tentoglou. Der Grieche ist seit Jahren die bestimmende Figur dieser Disziplin, doch Ehammer besitzt die Mittel, ihn ernsthaft herauszufordern. Lobalu bekommt es über 5000 m mit der starken Konkurrenz aus Afrika und den USA zu tun, und die 4x100-m-Staffel der Frauen will nach der Medaille nun beweisen, dass sie auch eine starke Zeit laufen kann. Bronze-Mann Timothé Mumenthaler darf über 200 m gegen Olympiasieger Letsile Tebogo antreten.
Welche Schweizer Asse hegen mit Blick auf Birmingham Revanchegedanken?
Ditaji Kambundji, die Weltmeisterin über 100 m Hürden, hat mit dem 4. Rang in Birmingham angesichts ihrer durch eine Verletzung beeinträchtigten Saison wohl sogar mehr erreicht, als erwartet werden durfte. Die Bernerin scheint wieder fit zu sein. Sie muss sich gegen sieben Konkurrentinnen behaupten, die in dieser Saison schneller waren als ihre Saisonbestzeit von 12,62 Sekunden. Das Lausanner Publikum wird dabei besonders auf die Zeit von Masai Russell achten, die 2026 bereits 12,14 Sekunden gelaufen ist.
Bemerkenswert ist, dass kein 100-m-Lauf auf dem offiziellen Programm der Diamond League steht. Dafür wurde um 18.20 Uhr, vor dem offiziellen Meeting, ein 100-m-Lauf der Frauen angesetzt. Dies ist die Gelegenheit, Géraldine Di Tizio-Frey oder auch Ajla Del Ponte in Aktion zu sehen. Während Fabienne Hoenke und Léonie Pointet das Privileg haben, die Jamaikanerin Shericka Jackson und die Britin Amy Hunt im offiziellen Diamond-League-Lauf über 200 m herauszufordern, wird Mujinga Kambundji um 19.24 Uhr im 200-m-B-Lauf starten.
Leonie Hügli will im Speerwurf zeigen, was in ihr steckt. Nach Schweizer Rekord in der EM-Qualifikation und dem enttäuschenden Platz 10 im Wettkampf wäre nun wieder ein Top-Wurf an der Reihe.
Welche internationalen Stars könnten in Lausanne die Weltrekorde ins Wanken bringen?
Im Dreisprung richtet sich der Blick auf Andy Diaz Hernandez. Der Italiener sprang in Birmingham 18,15 m weit und avancierte damit zum viertbesten Dreispringer der Geschichte. Nur noch 14 Zentimeter fehlen ihm zum Weltrekord von Jonathan Edwards aus dem Jahr 1995. Jeder seiner Versuche wird deshalb zum Angriff auf eine der prestigeträchtigsten Bestmarken der Leichtathletik.
Das Männer-Rennen über 800 m ist fast ebenso spektakulär besetzt wie jenes der Frauen. Emmanuel Wanyonyi aus Kenia trifft auf den Kanadier Marco Arop und den Amerikaner Brandon Miller. Wanyonyi hat in Lausanne schon gezeigt, wie gut ihm die Bahn liegt. Vor zwei Jahren verfehlte er den Weltrekord von David Rudisha lediglich um zwei Zehntelsekunden.
Was gibt es Überraschendes zu vermelden?
Eine kurzfristige Überraschung ist der Start von Rai Benjamin. Der Olympiasieger und Weltmeister bestreitet in Lausanne sein einziges Saisonrennen über 400 m Hürden, nachdem er sich zuletzt vorwiegend auf die flache Stadionrunde konzentriert hat. In London überzeugte er mit einem eindrücklichen Sieg über 400 m. Nun stellt sich die Frage, ob er auch über die Hürden sofort wieder an seine besten Leistungen anknüpft und die Jahresweltbestleistung von Alison dos Santos von 46,48 Sekunden angreifen kann.
Welche sonstigen Namen stossen zum Saisonfinale in Europa?
Nach den Europameisterschaften wird die Leichtathletik-Familie wieder global. Für die Athletissima, Weltklasse Zürich, den Diamond-League-Final in Brüssel und die World Athletics Ultimate Championship in Budapest reisen zahlreiche Stars aus Amerika, Afrika, Asien und Ozeanien an.
Im Sprint ragt Shericka Jackson heraus. Die Jamaikanerin trifft über 200 m unter anderen auf Amy Hunt aus Grossbritannien, die Sprint-Königin von Birmingham.
Besondere Aufmerksamkeit verdient auch der Speerwurf. Rumesh Pathirage aus Sri Lanka, die Nummer 1 des Jahres 2026, gilt als neue Entdeckung des indischen Subkontinents. Er trifft unter anderen auf den Olympiasieger (2021) und Weltmeister (2023) Neeraj Chopra aus Indien.