«Atom-Kopfsalat» und falsche Strahlenexperten in Zürcher Läden
Vor 40 Jahren erreichte die Angst vor radioaktiver Strahlung auch den Kanton Zürich. Falsche Experten besuchten Geschäfte und die Gemüseproduzenten wehrten sich nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl gegen die Empfehlungen des Bundes.
Die Auswirkungen der Reaktorkatastrophe waren bis nach Zürich zu spüren: Ab dem 30. April gab es in der Ostschweiz Niederschläge, die zu radioaktiven Ablagerungen führten, auch das Zürcher Oberland war am Rand betroffen. Der Bund empfahl unter anderem, im Freiland angebautes Gemüse zu waschen und bestimmte Gemüsesorten zu schälen.
Der Gemüseproduzenten-Verband wehrte sich. Zwei Wochen nach der Reaktorkatastrophe kritisierte er die Verhaltensempfehlungen der Behörden als «ungenügend und irreführend». Er wies darauf hin, dass in der Schweiz Kopfsalat und alle anderen Blattgemüse gegenwärtig mit dem radioaktiven Ausfall überhaupt nicht in Berührung kämen, wie die Nachrichtenagentur SDA damals schrieb.
Das Gemüse stamme «samt und sonders aus überdecktem Anbau und wird mit Grundwasser bewässert». Direkte gesundheitliche Folgen durch den Verzehr von kontaminierten Lebensmitteln konnten bei der Schweizer Bevölkerung nicht festgestellt werden, schrieb denn auch das BAG auf seiner Website.
«Panikmache» in Geschäften
Während die Gemüseproduzenten also die Angst vor dem «Atom-Kopfsalat» zu zerstreuen suchten, waren in Zürcher Lebensmittelgeschäften an zwei Tagen Anfang Mai falsche Strahlenmess-Trupps unterwegs.
Sie brachten an Gestellen mit Frisch- und Milchprodukten Kleber mit der Aufschrift «Vorsicht Strahlengefahr» an. Dem Personal machten die «Experten» weis, sie seien Strahlenschutz-Leute und handelten im Auftrag des «Eidgenössischen Reaktorforschungs-Instituts».
Das Institut existierte tatsächlich von 1955 bis 1988. Danach ging es im Paul Scherrer Institut auf. Die Urheber der Aktion konnten damals aber nicht eruiert werden. Die Zürcher Stadtpolizei sprach von «Panikmache».