Angst vor Russland führt Europa in die Katastrophe

von Viktor Schewtschuk
Russische Aggression gegen Europa ist keine theoretische Frage mehr – sie ist Realität. Nach dem Angriff von zwei Dutzend russischen Drohnen auf polnisches Territorium ist nicht mehr von -hybriden Bedrohungen die Rede, sondern von einem realen, kinetischen Gewalteinsatz. Wer bisher die Augen davor verschloss, dass Russland nicht nur gegen die Ukraine, sondern gegen den gesamten Westen Krieg führt, sollte nun endgültig aufwachen.
Russland kümmert sich nicht um Reflexionen oder differenzierte Debatten, wie sie in demokratischen, wohlstandsbasierten Systemen üblich sind. Die nächsten Schritte Moskaus werden allein durch die Bilanz von Kosten und Nutzen bestimmt – durch die Logik eines Nullsummenspiels. Polen und die Nato insgesamt haben bei diesem Test weitgehend versagt. Die USA unter Donald Trump sind komplett durchgefallen.
Dass russische Drohnen tief ins polnische Inland eindrangen – bis in Regionen zwischen Warschau
und Łódź –, ist kein Zufall. Nur Naive oder politisch motivierte Pro-Russland-Sprecher können argumentieren, Moskau sei nach drei Jahren gezielter technologischer Entwicklung nicht in der Lage, Drohnen präzise genug zu steuern – und diese hätten deshalb ukrainische Ziele verfehlt und seien tief ins Nachbarland geflogen.
Die Arroganz westlicher Stimmen, die die technologischen Umwälzungen auf dem modernen Gefechtsfeld durch die Drohnentechnologie unterschätzt haben, rächt sich nun. Die hochgerüsteten Nato-Kampfjets mit ihren kostspieligen Raketen konnten einfache Drohnen nicht -abfangen.
Es zeigt sich, dass grundlegende Kompetenzen im Bereich Lageerfassung, Koordination und Führung fehlen. Fähigkeiten, die das ukrainische Militär – vom Zugführer bis zum Generalstab – längst beherrschen: durch Echtzeitüberwachung und Zielsteuerung mit Kropywa-, Delta- oder Virazh-Planšhet-Systemen.
Es ist höchste Zeit, die Nato wieder als System kollektiven Handelns zu verstehen. Artikel 5 des Nordatlantikvertrags wird zwar gemeinhin als -Garantie verstanden, dass ein Angriff auf ein Mitgliedsland einen Angriff auf alle bedeutet. Doch das ist nur die halbe Wahrheit.
Der zweite Teil von Artikel 5 sieht lediglich Konsultationen und mögliche Massnahmen vor – eine Verpflichtung zu militärischer Hilfeleistung besteht nicht. Konsultation ist nicht dasselbe wie militärische Unterstützung. Artikel 5 ist keine Garantie, sondern ein politischer Mechanismus, der ausgelegt werden kann – und oft unklar bleibt.
Die Nato-Mitgliedschaft ist keine Versicherungspolice mit automatischem Schutz. Eine Reform von -Artikel 5 wäre dringend geboten – mit eindeutigen Prozeduren für den Fall eines Angriffs. Doch eine solche Revision ist wenig wahrscheinlich. Staaten, die sich real durch Bedrohungen aus dem Osten gefährdet sehen, müssen über neue Allianzen mit klar definierten Mechanismen nachdenken – ohne die Nato-Struktur aufzugeben.
In dieser neuen Sicherheitsarchitektur ist die Ukraine kein Empfänger, sondern ein Anbieter von Sicherheit. Es liegt im ureigensten Interesse des demokratischen Westens, die Ukraine zu unterstützen und Russland militärisch zu besiegen. Denn es ist nicht der Westen, der Russlands Agenda bestimmt. Wenn die freie Welt überleben will, muss sie die Initiative zurückgewinnen – und alle Ressourcen in eine klare, strategisch kohärente Politik investieren.
Eines sollte man sich stets vor -Augen halten: Einen aggressiven Hund besiegt man nicht, indem man ihm seine Angst zeigt. Weder Putin noch irgendein namenloser Funktionär in einer russischen Provinz wird durch westliche Zögerlichkeit beeindruckt oder zum Einlenken bewegt. Jetzt ist der Moment für eindeutige Worte – und notwendige Taten,
so unbequem diese auch erscheinen mögen.
Denn Angst nährt Aggression. Und führt geradewegs in die Katastrophe.