1976 kam es in Seveso in Norditalien zu einem schweren Dioxinunfall
Am 10. Juli 1976, genau vor fünfzig Jahren, hat sich einer der schwersten Umweltunfälle in der Geschichte Italiens ereignet: Eine Dioxinwolke entwich aus der Icmesa-Kosmetikfabrik in Seveso. Mindestens 200 Personen erlitten zum Teil langwierige Gesundheitsschäden.
Beim Unfall brach die Scheibe eines Sicherheitsventils und eine giftige Wolke trat aus. Die Giftwolke hatte keine Todesopfer gefordert. Hunderte von Einwohnern waren jedoch gezwungen, ihre verseuchten Häuser zu verlassen. Die Icmesa-Fabrik gehörte Givaudan, einer ehemaligen Tochterfirma von Roche.
Sie stellte Trichlorphenol her, das sich ab einer Temperatur von über 156 Grad in 2,3,7,8-Tetrachlordibenzodioxin (TCDD) umwandelt, wie es auf der Internetseite des Istituto superiore di sanità (ISS, Deutsch Höheres Institut für Gesundheitswesen) des italienischen Gesundheitsministeriums heisst. TCDD gilt als giftigster Vertreter aus der Gruppe der Dioxine und wird umgangssprachlich auch als «Seveso-Gift» bezeichnet. An jenem Tag war die Temperatur aufgrund eines Reaktorunfalls auf bis zu 500 Grad angestiegen.
Erstes Symptom: Hautausschlag
Das Gift hinterliess rasch erste Spuren, wie ein neuer Dokumentarfilm auf Rai 3 deutlich macht. Die Blätter der Bäume und das Gras verfärbten sich gelb, erzählt ein Augenzeuge, und Tiere starben. Zwei Tage nach dem Unfall traten bei manchen Anwohnern – darunter Kindern – Ausschläge im Gesicht auf. Andere klagten über Magen-Darm-Beschwerden und Übelkeit.
Lange Zeit liessen die Behörden die Bevölkerung im Dunkeln über die Ausmasse des Unfalls. Es gab in Mailand Demonstrationen gegen die Kommunikationspolitik, wie der Film ebenfalls eindrücklich zeigt.
Dioxin kann auch Krebs verursachen sowie schwere Schäden am Nerven- und Herz-Kreislauf-System, an der Leber und an den Nieren hervorrufen. Zudem verringert das Gift die Fruchtbarkeit und kann bei schwangeren Frauen zu Fehlbildungen des Fötus sowie zu Fehlgeburten führen. Insbesondere TCDD sei bereits in geringen Dosen gefährlich, heisst es auf der Seite des ISS weiter. Die Gesamtmenge, die aus der Fabrik in Seveso austrat und nach ersten Informationen angeblich nur 300 Gramm betrug, wird heute auf rund 15 oder sogar 18 Kilogramm geschätzt.