Zu viele Fragezeichen
Der Entscheid hatte sich abgezeichnet – auch wenn in den vergangenen Monaten immer wieder ein kleiner Hoffnungsfunken aufflammte. Im Sommer etwa, als die Zahl der Corona-Infektionen in der Schweiz wochenlang im zweistelligen Bereich lag und viele Länder ihre Grenzen wieder öffneten. Oder später, als der Bundesrat die Teilöffnung der Stadien bewilligte. Die Entwicklungen der letzten Wochen indes liessen den Verantwortlichen keine Wahl. Der Spengler Cup findet in diesem Dezember nicht statt – erst zum fünften Mal in der beinahe hundertjährigen Geschichte nach 1939, 1940, 1949 und 1956.
Wer weiss, was Ende Jahr ist?
Das Traditionsturnier kämpft im Coronajahr mit den gleichen Pro-blemen wie andere internationale Grossanlässe. «Die Absage war alternativlos», sagt OK-Präsident Marc Gianola, «die Planung un- ter den gegebenen Umständen schlicht nicht möglich.» Hauptgrund für den Entscheid sind die stets ändernden Reisebeschränkungen. Stand heute müsste das Team von Sparta Prag (Tschechien) nach der Einreise in die Schweiz während zehn Tagen in Quarantäne, die Mannschaft von KooKoo Kouvola darf gar nicht erst in die Schweiz kommen, da die Grenzen in Finnland geschlossen sind. Und auch das Team Canada, das traditionell Spieler aus verschiedenen ausländischen Ligen rekrutiert, müsste mit gewissen Einschränkungen rechnen. «Im Profi-Hockey ist es schlicht unmöglich, dass ein Team mitten in der Saison während zehn Tagen in Quarantäne muss», sagt Gianola.
Und wer weiss schon, wie sich die Situation im Dezember präsentiert? Auch deshalb verwarfen die Verantwortlichen die Idee, «Ersatz-Mannschaften» aus anderen Ländern einzuladen. Zu gross das Risiko, dass es wenige Tage vor dem Turnierstart zu kurzfristigen Absagen oder gar während des Events zu Coronafällen kommen könnte.
Auch gesellschaftliche Überlegungen spielten beim Entscheid, der das Organisationskomitee gestern im Anschluss an eine Sitzung des Verwaltungsrats fällte, eine Rolle. Ein Volksfest, wie es am ältesten Klubturnier der Welt üb-lich ist, ist unter den aktuellen Umständen nicht möglich. «Ein Spengler Cup ohne Fan-Zelt, im halb leeren Stadion und ohne Stehplatz-Tribüne hat nichts mehr mit einem Hockeyfest gleich, wie wir es uns gewohnt sind», sagt Gianola. Selbst mit dem besten Schutzkonzept wäre dies nicht realisierbar gewesen.
Die Lebensader versiegt
Die Absage trifft den HCD nicht nur sportlich. Das Turnier in der Altjahreswoche ist seit Jahren seine Existenzgrundlage. Ohne Spengler Cup kein HCD – zumindest nicht in dieser Form. Jährlich pilgern Eishockey-Fans aus der ganzen Schweiz in Scharen ins Landwassertal. Im vergangenen Jahr waren acht von elf Partien ausverkauft. Die Spiele werden in über 40 Ländern weltweit übertragen. Offizielle Zahlen gibt es keine. Kenner gehen aber davon aus, dass der HCD mit dem Turnier über zwei Millionen Franken verdient. Zwar haben die Organisatoren eine Versicherung gegen Ausfälle abgeschlossen, diese gilt jedoch nur bei Schnee und Sturm sowie bei einer kurzfristigen Absage eines Teams – nicht aber bei einer Pandemie. Gianola will keine Zahlen kommentieren, sagt lediglich, dass die Coronakrise in Davos, je nach Verlauf, einen Verlust von zwei bis fünf Millionen Franken verursachen wird. Zur Spengler-Cup-Absage kommt die Reduktion der Zuschauerkapazität in der Liga sowie die fehlenden Zusatzeinnahmen, die der HCD jeweils mit der Vermietung seiner Räumlichkeiten während des WEF erwirtschaftet. Auch Synergien bei der Infrastruktur hätten dieses Jahr nicht genutzt werden können.
5 AbsagenErst zum fünften Mal in der Geschichte des Spengler Cup findet das Turnier nicht statt. Die letzte Absage: 1956.
Übrigens: Spielplan-Macher Willi Vögtlin hat das Szenario Spengler-Cup-Absage bei der Gestaltung des National-League-Kalenders bereits einkalkuliert. So finden zwischen Weihnachten und Neujahr zwei Partien mit Davoser Beteiligung (gegen Ambri- Piotta und gegen Zug) sowie das Romand-Derby zwischen Genf und Lausanne statt. Ganz auf Eishockey verzichten müssen die Fans über die Festtage also doch nicht.
Drei Fragen an Marc Gianola