Schweiz scheidet im WM-Viertelfinal gegen Argentinien aus
Es ist eine Szene, die Breel Embolo noch eine Weile verfolgen wird. Kurz nach dem umjubelten Ausgleich seines Teams wird der Stürmer an der Mittellinie bedrängt. Er spürt einen Gegenspieler heranstürmen und hebt ab, bevor es effektiv zum Kontakt kommt. Der Schiedsrichter sieht das zuerst nicht und gibt Leandro Paredes die Gelbe Karte.
Dann meldet sich der VAR. Überprüft wird eine «mistaken identity». Eine Regel, die für den Fall ins Leben gerufen wurde, dass der falsche Spieler verwarnt wurde. Und auf dem Video sieht der Unparteiische dann eben, dass Embolo erst in der Luft getroffen wurde, und ändert seinen Entscheid. Die Gelbe Karte geht nun an den Schweizer Stürmer, es ist seine zweite, er muss vom Feld.
Ungläubig versucht Embolo dem Schiedsrichter seine Sicht zu erklären und bricht dann weinend zusammen. Gerade, als sein Team ins Spiel zurückgefunden hatte, sorgt er der 29-Jährige mit seiner vorschnellen Aktion dafür, dass die Schweizer in Unterzahl spielen müssen, und dass das Momentum die Seite wechselt.
Traumtor beendet die Schweizer Träume
Murat Yakin änderte darauf das System, ersetzte zwei Offensiv- durch zwei Defensivspieler. Mit einem Block von fünf Verteidigern, drei Mittelfeldspielern und Zeki Amdouni als einziger Spitze hoffte der Schweizer Trainer, das Unentschieden irgendwie über die Zeit zu bringen.
Die Argentinier, die in diesem Spiel offensiv lange kaum in Erscheinung getreten waren, intensivierten ihre Bemühungen. Sie zogen gar ein richtiges Powerplay auf und kamen noch in der regulären Spielzeit zu guten Chancen. Einmal schoss Lionel Messi knapp am Tor vorbei, einmal rettete Gregor Kobel spektakulär.
In der 112. Minute war aber auch der Schweizer Goalie chancenlos. Julian Alvarez lief an der Strafraumgrenze in die Mitte und zirkelte den Ball perfekt in die entfernte Ecke. Kurz vor Schluss erhöhte Lautaro Martinez nach einem Konter auf 3:1. Wieder, wie schon vor zwölf Jahren im WM-Achtelfinal, musste sich die Schweiz Argentinien in der Verlängerung beugen.
Lange erfolglose Anrennen
Die Niederlage ist aus Schweizer Sicht bitter, weil sie mit dem erstmaligen Einzug in den WM-Halbfinal Historisches verpasst hat. Vor allem aber, weil sie 70 Minuten lang problemlos mit äusserst bescheiden auftretenden Argentiniern hatte mithalten können. Denn die Südamerikaner zogen sich nach ihrem frühen Führungstreffer – in der 10. Minute traf Alexis Mac Allister nach einem Corner per Kopf – fast komplett zurück und überliessen den Schweizern das Spiel.
Diese hatten damit lange Mühe, zeigten sich im Angriff ideenlos oder ungenau. Erneut wurde Johan Manzambi schmerzlich vermisst. Der 20-Jährige, mit drei Toren und zwei Assists der beste Schweizer Skorer an diesem Turnier, fiel wie bereits gegen Kolumbien aufgrund seiner Knieverletzung aus. Eine Antwort auf diesen Verlust fand Yakin nie.
Nach dem missglückten Experiment mit Ardon Jashari setzte der Schweizer Nationaltrainer im Viertelfinal auf Fabian Rieder auf der Position hinter Sturmspitze Embolo. Doch während der Berner defensiv viel arbeitete, fehlte ihm die Dribbelstärke und der Zug aufs Tor. Qualitäten, die Manzambi eben auszeichnen.
Kurze Hoffnung nach Ndoyes Ausgleich
In der zweiten Halbzeit begannen die Schweizer ihre Offensivbemühungen zu verstärken. Suchten ihr Glück oft mit Flanken in den Strafraum oder Distanzschüssen. Blieben bei diesen aber oft an den gegnerischen Verteidigern hängen.
In der 67. Minute war es dann schliesslich ein schnelles Kurzpassspiel, das den Erfolg brachte. Dan Ndoye leitete die Aktion selbst ein, Ricardo Rodriguez fand die Lücke in der Abwehr und Ndoye vollendete mit einem platzierten Schuss aus spitzem Winkel.
Es war jene Phase, in der Argentinien kurzzeitig wankte, ehe die verhängnisvolle Aktion mit Embolo und dessen Platzverweis folgte. Was ohne sie in diesem Spiel noch passiert wäre, lässt sich nie herausfinden. Die Realität ist: Für die Schweiz hat die starke Endrunde im Viertelfinal ihr Ende gefunden.
Telegramm
Argentinien – Schweiz 3:1 (1:1, 1:0) n.V.
Kansas City. – 69'045 Zuschauer. – SR Silva Pinheiro (POR). – Tore: 10. Mac Allister (Messi) 1:0. 67. Ndoye (Rodríguez) 1:1. 112. Alvarez (López) 2:1. 121. Lautaro Martínez 3:1.
Argentinien: Emiliano Martínez; Molina (85. Montiel), Romero (105. Otamendi), Lisandro Martínez, Tagliafico (78. González); Paredes (110. López); De Paul (85. Lautaro Martínez), Fernández (90. Almada), Mac Allister; Messi, Alvarez.
Schweiz: Kobel; Zakaria (96. Jashari), Elvedi, Akanji, Rodríguez (95. Cömert); Freuler (115. Vargas), Xhaka; Sow (86. Widmer), Rieder (86. Muheim), Ndoye (86. Amdouni); Embolo.
Bemerkungen: 72. Gelb-Rote Karte gegen Embolo. Verwarnungen: 44. Embolo. 97. Almada. 98. Lautaro Martínez. 114. López.