Hollensteins «sehr gute Erfahrungen»
Der Churer Renato Tosio verpasste im Tor des SC Bern zwischen 1987 und 2001 – während 14 Jahren – kein einziges Spiel. Die Ersatzgoalies waren damals nur da, um das Türchen an der Bande zu öffnen und für gute Stimmung zu sorgen. Doch das ist Schnee von gestern. Inzwischen dauert die Qualifikation nicht mehr nur 36 Runden wie zu Tosios Zeiten. Heute sind vor den Playoffs 52 Meisterschaftspartien zu bestreiten. Für die Spitzenteams kommen Einsätze in der Champions League oder wie beim HCD der Spengler Cup dazu. Ein Torhüter allein kann dieses Pensum nicht stemmen.
«Es läuft okay»
Beim HCD bilden in dieser Saison Sandro Aeschlimann und Luca Hollenstein das Torhüterduo. Hollenstein kam im letzten Frühling vom EV Zug nach Davos. «Ich will dem Team Sicherheit geben, sodass die vorne sich keine Sorgen machen müssen, was hinten geschieht», hatte Hollenstein im Sommer dem Fernsehsender «Südostschweiz» verraten. Inzwischen bestritt er 15 der bisherigen 39 Qualifikationspartien für den HCD. Zweimal feierte er einen Shutout. «Im Grossen und Ganzen läuft es nicht schlecht», zieht der 24-Jährige eine erste Zwischenbilanz. «Als Sportler ist man eigentlich nie zufrieden. Es gibt immer was, das noch besser sein könnte und woran man arbeiten muss. Es läuft okay momentan.»
Den Wechsel zum HCD hat Hollenstein nie bereut. Er spricht von «sehr guten Erfahrungen. Wir erwischten zwar keinen optimalen Start, doch dann fanden wir rein in die Meisterschaft. Wir haben eine sehr gute Truppe. Wenn wir unser Eishockey spielen, könnte das Ende Saison gut kommen.» Bezüglich Trainingsbetrieb und Spielsystem musste sich der Keeper im Vergleich zu seiner Zuger Zeit nicht gross umstellen. Nicht von ungefähr. HCD-Headcoach Josh Holden wirkte früher jahrelang als Assistenztrainer beim EV Zug.
Wiedersehen mit Sandro Aeschlimann
Und es gibt noch eine weitere Parallele: Auch Sandro Aeschlimann und Hollenstein kennen sich aus gemeinsamer Zuger Vergangenheit. Schon als Tobias Stephan noch Stammtorhüter beim EVZ war, vertraten ihn die beiden, wenn Stephan krank oder verletzt war. Und als Aeschlimann 2019 zum HCD wechselte, rückte Hollenstein bei Zug als Nummer Zwei hinter Leonardo Genoni nach. Hollenstein spricht von seinem sehr guten Verhältnis mit Aeschlimann. «Wir verstehen uns sehr gut. Es macht Spass, jeden Tag mit ihm zu arbeiten. Als Goalie weiss man, dass nur einer spielen kann. Dass jeder so oft wie möglich im Einsatz stehen möchte, ist naheliegend. Wenn Sandro spielt, versuche ich ihn möglichst gut zu unterstützen. Und umgekehrt ist es nicht anders. Das funktioniert sehr gut.»
Hollenstein wuchs in Domat/Ems auf. Mit dem Eishockey begann er beim EHC Chur. Als etwa Zehnjähriger stellte er sich ins Tor. «Anfänglich primär, weil mich die Goalieausrüstung faszinierte», meint er rückblickend. Aus jener kindlichen Begeisterung wurde Ernst, als er mit 15 zum EV Zug in die Academy wechselte. Dort verband der Bündner seine KV-Ausbildung mit der sportlichen Weichenstellung zum Eishockeyprofi. In den letzten fünf Jahren habe er in Zug sehr viel von Genoni, der bekanntlich von 2007 bis 2016 für den HCD spielte, gelernt – auf und neben dem Eis, sagt Hollenstein. «Ich sah, wie Leo im Kraftraum arbeitet. Wie er mit seiner Torhüterausrüstung umgeht und diese perfektioniert. Wie locker er in der Freizeit ist, aber dann voll da, wenn es sein muss. Und wie er sich auf dem Eis in den verschiedensten Spielsituationen verhält. Einiges integrierte ich in mein eigenes Spiel. Sehr beeindruckt hat mich die Freude, die Genoni am Eishockey hat.»
WG mit Nico Gross
Wie Hollenstein stiess auch Verteidiger Nico Gross im letzten Sommer vom EV Zug zum HCD. Die beiden haben in Davos eine Wohngemeinschaft gebildet. Einen «Ämtliplan» haben sie nicht. Beide achten auf Ordnung; Zwischenhinein schalten sie einen Putznachmittag ein. In der Regel kochen sie gemeinsam. Ein Lieblingsmenü hätten sie nicht, aber beide haben gerne Fleisch, verrät der HCD-Goalie. Sie halten sich nicht an einen bestimmten Ernährungsplan. «Wir achten darauf, dass wir uns einigermassen gesund ernähren. Die Kalorien zählen wir aber nicht. Man muss auch noch ein bisschen leben», meint Hollenstein mit einem Lächeln.
Hansruedi Camenisch