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Die urbane Berglerin als Vorbild

Am Freitag werden Frauen in der ganzen Schweiz auf die Strasse gehen, um für die Gleichberechtigung einzustehen. Auch in Graubünden finden an diesem Tag mehrere Veranstaltungen zum Frauenstreik statt. Um etwas zu verändern, braucht es ausserdem Zeit und Vorbilder, meint die Politikerin Carmelia Maissen - und möchte als eben solches vorangehen.

Corinne
Raguth Tscharner
Montag, 10. Juni 2019, 04:30 Uhr Die Porträtserie zum Frauenstreiktag
Vor einigen Wochen stellte die CVP Graubünden ihre Kandidaten für den National- und Ständerat vor. Darunter auch Carmelia Maissen.
PHILIPP BAER

«Ich sage immer, ich bin eine urbane Berglerin», antwortet Carmelia Maissen auf die Frage hin, ob sie stark mit der Surselva verwurzelt sei. 15 Jahre lang hat die 41-Jährige in grösseren Städten wie Bern oder Zürich studiert, gearbeitet, gelebt. «Ein politisches Engagement konnte ich mir aber immer nur in der Surselva vorstellen», sagt die Gemeindepräsidentin von Ilanz/Glion, die auch Architektin mit Doktortitel, CVP-Grossrätin und Nationalratskandidatin ist. «Nur mit dieser Region fühle ich mich richtig verbunden.»

Im familiären Umfeld von Maissen wurde schon immer Politik betrieben. «Ich bin sozusagen damit aufgewachsen und habe mich sehr früh als Jugendliche dafür interessiert», so Maissen. Sie sei immer gefördert worden, vor allem von ihren Eltern. Auch als sie vor etwas mehr als 20 Jahren ihre erste politische Tat in der Planungskommission von der Gemeinde Sevgein verbrachte.

Auch das Alter birgt Vorurteile

Dass Menschen ihr als Frau in der Politik anders entgegentraten als ihrem männlichen Kollegen, das Gefühl habe sie damals als 20-Jährige nicht gehabt, meint Maissen. Mittlerweile sehe das jedoch anders aus. «In der jetzigen Situation, als einzige Gemeindepräsidentin in der Surselva, habe ich schon eine spezielle Rolle in diesem Umfeld.»

Mit Ilanz/Glion führt Maissen eine Gemeinde mit rund 4700 Einwohnern und rund 170 Angestellten*. «Ich habe tatsächlich schon die Erfahrung gemacht, dass Leute erstaunt waren, dass eine so grosse Gemeinde eine eher jüngere Frau als Gemeindepräsidentin hat», sagt Maissen. Da frage man sich: «Wieso ist die Person erstaunt? Sollte das nicht das Normalste der Welt sein?»

Maissen führt auch gleich einen Vergleich mit der Engadiner Gemeinde St. Moritz auf. Deren Gemeindepräsident Christian Jott Jenny ist gleich alt wie Carmelia Maissen. «Ich gehe aber davon aus, dass er noch nie auf sein Alter angesprochen wurde. Mir stellt man diese Frage aber», so Maissen. Dieses Beispiel zeige die tief eingeprägten Bilder auf, die immer noch in der Gesellschaft herrschen würden. «Bei einer Frau mittleren Alters fragt man: ‘Kann sie eine Gemeinde führen?’ Bei einem Mann im selben Alter nicht.»

Damit diese Unterschiede nicht mehr bestünden, müsse noch viel geschehen, das einige Zeit brauche, meint Maissen und hofft, zu diesem Wandel beizutragen. «Alleine schon dadurch, dass ich diese Tätigkeit ausführe - auch wenn ich mit solchen Reaktionen rechnen muss. Als Gemeindepräsidentin oder Nationalratskandidatin. Als Vorbild und Ermutigung für andere Frauen.»

Alleine in der männlichen Polit-Landschaft der Surselva

Ausserdem achtet Maissen immer darauf, dass Frauen vertreten sind, wenn in der Gemeinde Ilanz/Glion beispielsweise ein Gremium oder eine Arbeitsgruppe zusammengestellt wird. «Nicht als Alibifrauen», sagt sie aber. «Es sollen Frauen dabei sein, die auch etwas zu dem Thema beizutragen haben. Und die gibt es wirklich bei jedem Thema.»

Damit möchte Maissen auf ein Thema aufmerksam machen, das sie selbst nur allzu gut kennt. In ihrem politischen Leben ist sie es gewohnt, in Sitzungen, Arbeitsgruppen oder Gremien die einzige Frau zu sein. «Im Grundsatz ist das kein Problem», meint Maissen, «Man merkt aber: Man ist irgendwo immer eine Exotin. Und das ist nicht immer ganz einfach.» Sie habe die Erfahrung gemacht, dass gemischte Gremien, mit einem ausgeglichenen Frauen- und Männeranteil, am fruchtbarsten sind. Dies, weil laut Maissen Frauen und Männer unterschiedliche Aspekte in die Diskussionen einbringen. «Wenn man stets alleine einen Punkt vertritt, dann bleibt man auch oft wirklich etwas alleine.»

* Rund 20 Angestellte der Gemeinde Ilanz/Glion wollen am 14. Juni, dem Tag des Frauenstreiks, ein Zeichen in Sachen Gleichstellung setzen. Laut einer Mitteilung der Gemeinde arbeiten die Männer an diesem Tag 20 Prozent eines Tagespensums länger, während die Frauen ihr Pensum um 20 Prozent reduzieren können. Damit möchten sie das Ausmass der schweizweit durchschnittlichen Lohnungleichheit aufzeigen. Die Aktion sei eine Idee eines Mitarbeiters gewesen und laufe freiwillig ab - ein Akt der Solidarität mit den Anliegen des Frauenstreiks. Aber auch ein Aufruf dazu, dass die tatsächliche Gleichstellung nur im Dialog und gemeinsam mit Mann und Frau erreicht werden könne.

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