Sturzflut in Nepal: Mehr als 160 Tote – droht jetzt die nächste Katastrophe?
Eine der schwersten Naturkatastrophen der vergangenen Jahre hat die Himalaya-Region erschüttert. Am Mittwoch raste eine gewaltige Flutwelle durch den Norden Nepals und angrenzende Gebiete Tibets. Die Opferzahl dürfte jedoch noch steigen: Je nach Quelle werden mehrere Hundert bis weit über tausend Menschen vermisst, darunter zahlreiche ausländische Touristen und Pilger.
Was hat die Sturzflut in Nepal ausgelöst?
Zunächst gingen Behörden davon aus, dass ein Erdbeben die Katastrophe ausgelöst haben könnte. Diese Theorie gilt inzwischen jedoch als weniger wahrscheinlich.
Auswertungen von Satellitenbildern zeigen nach Angaben von Experten, dass sich in rund 5200 Metern Höhe ein grosser Teil eines Gletschers beziehungsweise eine gewaltige Masse aus Eis und Fels löste.
Die Lawine stürzte mehr als 1200 Höhenmeter in ein Tal und löste eine massive Flut aus Schlamm, Geröll, Eis und Wasser aus. Diese raste über den Lhende-Fluss weiter in den Bhote Koshi und später in den Trishuli. Der US Geological Survey stellte inzwischen klar, dass das zunächst registrierte seismische Signal wahrscheinlich kein klassisches Erdbeben, sondern der Einsturz der Eis- und Felsmassen selbst war.
Wasserstand steigt innerhalb weniger Minuten um mehrere Meter
Wie gewaltig die Flut war, zeigen erste Analysen. Reuters berichtet unter Berufung auf Experten, dass der Wasserstand flussabwärts innerhalb von rund einer halben Stunde um bis zu neun Meter anstieg.
Die Flut transportierte dabei nicht nur Wasser, sondern riesige Mengen an Felsbrocken, Schlamm und Sediment.
Aufnahmen aus den betroffenen Orten zeigen Gebäude, Fahrzeuge und ganze Strassenabschnitte, die von der braunen Flut mitgerissen wurden. Mindestens 19 Brücken und Dutzende Kilometer Strasse sollen zerstört oder schwer beschädigt worden sein.
Hunderte Touristen werden noch vermisst
Das volle Ausmass der Katastrophe ist weiterhin unklar. Reuters berichtet inzwischen von nahezu 1500 Vermissten auf nepalesischer und chinesischer Seite, darunter mindestens 800 ausländische Staatsangehörige. Andere Behördenmeldungen nennen bislang niedrigere Zahlen, da die Listen noch abgeglichen werden.
Unter den Vermissten befinden sich zahlreiche Touristen aus Indien, Grossbritannien, den USA, Australien, Kanada und weiteren Ländern. Viele waren auf dem Weg zur Pilgerstätte Kailash Mansarovar oder auf Trekkingtouren im Himalaya.
Droht jetzt eine weitere Flut?
Die Gefahr ist noch nicht vorbei.
Behörden auf nepalesischer und chinesischer Seite warnen weiterhin vor Erdrutschen, steigenden Pegeln und weiteren Flutwellen.
Besonders kritisch ist, dass Erdrutsche und Geröll den Lauf von Flüssen teilweise blockieren können. Hinter solchen natürlichen Barrieren kann sich Wasser aufstauen. Bricht ein solcher Damm plötzlich, kann erneut eine Sturzflut entstehen.
Anwohner in tiefer gelegenen Gebieten wurden deshalb aufgefordert, sich von den Ufern der Flüsse Bhote Koshi, Trishuli und Narayani fernzuhalten.
Zusätzlich erschweren weitere Niederschläge die Rettungsarbeiten und erhöhen die Gefahr neuer Erdrutsche.
Klimawandel erhöht das Risiko im Himalaya
Die Katastrophe wirft erneut Fragen über die Stabilität der Himalaya-Gletscher auf. Nepal hat nach wissenschaftlichen Auswertungen in den vergangenen Jahrzehnten fast ein Drittel seiner Gletschermasse verloren. In den vergangenen zehn Jahren beschleunigte sich die Schmelze nochmals deutlich.
Steigende Temperaturen können Gletscher instabiler machen. Gleichzeitig entstehen und vergrössern sich Gletscherseen, deren natürliche Dämme aus Eis und Geröll plötzlich brechen können.
Experten weisen allerdings darauf hin, dass noch untersucht werden muss, welche Rolle der Klimawandel bei genau dieser einzelnen Katastrophe gespielt hat.
Klar ist dagegen: Der Himalaya gehört zu den Regionen der Welt, in denen das Risiko von Gletscherabbrüchen, Gletschersee-Ausbrüchen und daraus resultierenden Sturzfluten wächst.