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Panorama

Psychologen zeigen: Warum wir im Zug lieber schweigen, obwohl Reden glücklicher macht

Im Zug bleiben viele für sich und gehen davon aus, dass ihre Mitreisenden das genauso wollen. Eine Studie zeigt jedoch: Ein Gespräch mit einem Fremden kann die Fahrt angenehmer machen.
David Hahn

Im Zug sitzen Menschen oft dicht nebeneinander ohne ein Wort zu wechseln. Stattdessen wandert der Blick aufs Handy, ins Buch oder aus dem Fenster. Dahinter steckt offenbar auch eine Fehleinschätzung: In den Experimenten erwarteten viele Teilnehmer eine angenehmere Fahrt, wenn sie für sich blieben. Tatsächlich erlebten jedoch jene die Fahrt positiver, die mit unbekannten Mitreisenden ins Gespräch kamen.

Studie: Ein Gespräch kann die Fahrt angenehmer machen

Für ihre 2014 veröffentlichte Studie «Mistakenly Seeking Solitude» führten die Psychologen Nicholas Epley und Juliana Schroeder neun Experimente durch. Sie untersuchten Begegnungen unter anderem in Zügen, Bussen und Taxis sowie im Labor.

Bei einem Versuch mit Zugpendlern teilten die Forscher die Teilnehmer in verschiedene Gruppen ein. Einige sollten sich mit einer unbekannten Person unterhalten, andere für sich bleiben. Eine dritte Gruppe sollte sich wie auf einer gewöhnlichen Fahrt verhalten. Diejenigen, die ein Gespräch führten, bewerteten ihre Fahrt anschliessend positiver als jene, die allein blieben. Bei einem Versuch mit Buspassagieren zeigte sich dieses Muster ebenfalls.

Auch bei der selbst eingeschätzten Produktivität zeigte sich kein signifikanter Nachteil durch das Gespräch. Das galt sowohl für die Zug- als auch für die Busfahrt.

Warum sprechen wir Fremde trotzdem so selten an?

Einen Hinweis lieferten weitere Versuche. Die Teilnehmer schätzten ihr eigenes Interesse an einem Gespräch höher ein als das Interesse, das sie bei anderen vermuteten. Im Bus gingen sie beispielsweise davon aus, dass weniger als 45 Prozent der Mitreisenden bereit wären, sich mit ihnen zu unterhalten.

Das Schweigen der anderen kann so leicht als Desinteresse verstanden werden. Dabei könnte das Gegenüber aus demselben Grund still bleiben. Die Autoren bringen dieses Verhalten mit «pluralistischer Ignoranz» in Verbindung: Menschen können selbst offen für Kontakt sein und gleichzeitig die Zurückhaltung anderer als Zeichen dafür verstehen, dass diese kein Gespräch wollen.

Erfahrung kann die Erwartungen verändern

Besonders deutlich wurde das bei Taxifahrten. Personen, die sich normalerweise mit ihrem Fahrer unterhielten, erwarteten auch eine angenehmere Fahrt durch das Gespräch. Wer sonst eher schwieg, rechnete dagegen damit, dass eine Fahrt in Ruhe angenehmer sei.

In der tatsächlichen Erfahrung spielte diese Gewohnheit jedoch keine entscheidende Rolle. Unabhängig davon, ob die Teilnehmer üblicherweise mit ihrem Fahrer redeten, bewerteten sie die Fahrt positiver, wenn sie ein Gespräch geführt hatten. Die Forscher sehen darin einen Hinweis darauf, dass eigene Erfahrungen helfen können, Erwartungen an solche Begegnungen besser einzuschätzen.

Nicht jedes Gespräch mit Fremden ist angenehm

Aus den Ergebnissen lässt sich nicht ableiten, dass Gespräche mit Fremden grundsätzlich angenehm sind. Darauf weisen die Autoren ausdrücklich hin. Die untersuchten Begegnungen dauerten zwischen wenigen Minuten und höchstens rund 40 Minuten. Längere oder wiederholte Kontakte mit derselben unbekannten Person wurden nicht untersucht.

Der Befund ist deshalb enger gefasst: In den untersuchten Situationen fiel die Erfahrung mit einem fremden Gesprächspartner positiver aus, als viele Teilnehmer erwartet hatten. Das verbreitete Schweigen im Zug muss also nicht bedeuten, dass die Mitreisenden grundsätzlich kein Interesse an einem kurzen Austausch haben.

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