Die wohl berühmteste Zahnlücke Graubündens: Zarli Carigiet, der die Schweiz zum Lachen brachte
Die Filme mit dem Bündner Schauspieler und Kabarettisten Zarli Carigiet werden auch heute noch oft gezeigt. Wie der Künstler privat war, erzählt nun sein Sohn.
Die Filme mit dem Bündner Schauspieler und Kabarettisten Zarli Carigiet werden auch heute noch oft gezeigt. Wie der Künstler privat war, erzählt nun sein Sohn.
von Andri Dürst
«Miis Dach isch dr Himmel vo Züri» – dass diese Zeile aus dem Mund eines Bündners kommt, erstaunt vielleicht im ersten Moment. Doch ebendieser Satz ist der Anfang eines Evergreens – ältere Semester erinnern sich sicher noch. Sie stammt aus dem Mund von Zarli Carigiet – einem Bündner, der auszog, um die Schweiz zum Lachen zu bringen.
Am 5. August 1907 wurde Zarli Carigiet als Balthasar Anton Carigiet in Trun geboren. Er war das jüngste von elf Kindern. Als Zarli vier Jahre alt war, zog die Familie nach Chur. Später absolvierte er dort eine Lehre als Dekorationsmaler. Er schlug damit einen ähnlichen Weg ein wie sein um fünf Jahre älterer Bruder Alois Carigiet – der Maler der berühmten Schellenursli-Bücher. Dieser holte Zarli 1926 nach Zürich. Der jüngere Bruder wurde zum Assistenten des älteren. Arbeitsort war unter anderem ein Lokal, wo das Cabaret Cornichon, zu dessen Gründer Alois zählte, einen Auftritt hatte. Zarli musste während der Vorbereitungen einen gemalten Pfau mit Federchen bekleben. Diese Arbeit war aber schwieriger als gedacht, und bald klebten mehr Federchen auf Zarlis «Tschoope» statt auf dem Pfau. Das Ganze war so lustig anzusehen, dass Walter Lesch vom Cabaret Cornichon fand, dass Zarli auch auf der Bühne auftreten solle. 1934 stiess er zum Ensemble hinzu.
Übers Kabarett zum Film
So nahm also diese unvergleichliche Karriere ihren Anfang. Zarli Carigiet wurde bald auch für den Film entdeckt. Insgesamt spielte er in rund 20 Streifen mit, unter anderem bei «Gilberte de Courgenay» (1941) und «Hinter den sieben Gleisen» (1959). Mit seinen charakterstarken Rollen begeisterte er das Publikum. Seine Kolleginnen und Kollegen am Set hiessen beispielsweise Anne-Marie Blanc, Heinrich Gretler, Ruedi Walter und Margrit Rainer – Namen, die die Schweizer Filmszene prägten. Und Zarli Carigiet war einer von ihnen. Auch im Kabarett machte er sich einen Namen: So gründete er nach seiner Zeit beim Cabaret Cornichon mit einigen Mitstreitern das Cabaret Fédéral. Doch irgendwann wurden die Engagements seltener. Der Bündner hatte keine einfachen Zeiten. Zuweilen litt er an Depressionen. Glückliche Momente hatte er aber dennoch, nämlich dann, wenn er in Trun aufs Maiensäss konnte. Trotz guter körperlicher Gesundheit verstarb Zarli Carigiet am 6. Mai 1981 in Männedorf.
Auch wenn sein Tod schon über 40 Jahre zurückliegt – vergessen ist das Bündner Original noch lange nicht. Viele Erinnerungen an ihn hat auch sein Sohn Toni Carigiet, eines seiner zwei Kinder, noch. Im Gespräch mit der «Büwo» weiss der Architekt so manche Anekdote zu erzählen. «Ich hatte meinen Papa immer sehr gerne. Aber er hatte auch schwierige Zeiten. Die Leute erwarteten jeweils viel von ihm, das setzte ihn unter Druck», blickt Toni Carigiet zurück. Wenn er mit seinem Vater beispielsweise ein Tram bestiegen hatte, wurde er öfters von Fahrgästen gebeten, einen Witz zu erzählen. Dass er einen berühmten Vater hat, das merkte er schon als Kind. Das Ganze habe Vor- und Nachteile gehabt. «Eigentlich stand ich nicht gerne in der Öffentlichkeit. Das Gute aber war, dass viele Leute sehr offen zu mir waren, da sie einfach Freude hatten, meinen Vater zu sehen.» Hin und wieder habe es auch Begegnungen mit anderen Prominenten gegeben, so etwa in der «Kronenhalle» mit dem Maler Marc Chagall, der grosse Freude gehabt habe, Zarli so zufällig zu treffen.
Ein richtiges Original
Dass dieser von den Mitmenschen als aufgestellt oder gar unverwüstlich angesehen wurd, zeigt folgende Erinnerung von Toni Carigiet: «Mein Vater hatte einmal einen Unfall mit seiner Lambretta und stürzte. Schnell eilten einige Passanten herbei, um zu schauen, was los war. Als sie dann sahen, wer hier am Boden lag, sagten sie: ‹Ach, das ist ja der Zarli. Dem ist sicher nichts passiert›.» Der Sohn hat noch viele solche einzigartigen Geschichten über seinen Vater auf Lager. Von den Griechenland-Ferien, die Zarli nach drei Tagen abbrechen musste, weil er so Heimweh hatte. Von den miserablen Autofahrkünsten. Von einem Sturz von der Leiter, bei dem er einige Zähne verlor, und der Zahnarzt bei der Wiederherstellung wieder seine berühmte Zahnlücke einbaute.
Was das Schauspielern anbelangt, so sei seinem Vater das Auswendiglernen von Texten sehr schwergefallen. «Er war auch schon kein guter Schüler. Heute würde man wohl sagen, dass er Legasthenie hatte.» Das Reindrücken von Drehbüchern in seinen Kopf sei für ihn oft sehr anstrengend gewesen. «Das habe ich übrigens von meinem Vater geerbt», meint Toni Carigiet und lacht. Zarli musste deshalb auch oft improvisieren. Die «NZZ» schrieb dazu einmal: «Personen darzustellen, die er selber nicht war, machte ihm Mühe. Wenn er zum Bühnenstar wurde, so nicht wegen seiner Verwandlungsfähigkeit. Sondern weil die Zeit ein Urgestein wie ihn brauchte.»
Spannungsbogen Graubünden-Zürich
So sei beispielsweise das Lied «Miis Dach isch de Himmel vo Züri» auf sein Leib geschrieben worden, findet Toni Carigiet. Es stammt aus dem Musical «Eusi chlii Stadt», wo Zarli einen Clochard spielte. Im echten Leben war er aber doch kein Penner, oder? «Nein, das war er nicht. Er brauchte Pfarrer Sieber nie. Aber die beiden hätten sich sicher gut verstanden.» Und der Spannungsbogen Graubünden–Zürich, wie hielt er diesen aus? «Zarli kannte viele Leute in Zürich – das war sehr wichtig für ihn. So fühlte er sich hier auch wohl. In späteren Jahren zog es ihn aber ja wieder vermehrt ins Bündnerland.»
Wie erwähnt, ging die Schauspieler-Zeit für das Urgestein irgendwann zu Ende. «Besonders nach dem 1962 erschienenen Film ‹Es Dach überem Chopf› wurde es immer schwieriger für ihn», erinnert der Architekt. In den 70er-Jahren sei es wieder besser geworden. Zarli trat da und dort als Ein-Mann-Cabaret auf. Auch Drehörgeli spielte er manchmal. Seine wirklich grosse Leidenschaft aber war das Maiensäss oberhalb von Trun. «Es war jeden Frühling eine grosse Aufregung, wenn wir das erste Mal hoch konnten. Manchmal gab es Lawinenschäden, oder die Strasse war unpassierbar. Oben aber fühlte sich Papa immer sehr wohl – es war ein richtiges ‹Paradiesli› dort.» Sein Vater sei zwar gerne unter Menschen gewesen, doch er habe auch die Ruhe und das Alleinsein geschätzt. «Manchmal machte er Ausflüge mit dem Zug nach Chur. Er wanderte dafür jeweils bis zum Bahnhof in Trun und hängte seinen Spazierstock in den Dachhängel. Dann wusste jeder: Ah, der Zarli ist unterwegs.»
Sein Vater sei im Alter sehr nachdenklich geworden, meint Toni Carigiet. Sein Hinscheiden im Jahre 1981 sei unerwartet gekommen, fügt er an. «Für ihn war es aber ein schöner Tod.»
Heute erinnern vor allem noch die immer mal wieder im Fernsehen gezeigten Filme an Zarli Carigiet. Ein eigentliches Denkmal in Graubünden gibt es aber nicht – noch nicht. Aber es tut sich etwas: Das Geburtshaus der Carigiets in Trun soll in ein Kulturhaus transformiert werden. Toni Carigiet und seine Cousine Domenica Carigiet – die Tochter von Alois – sind im Patronatskomitee von Trun Cultura. Ersterer zeigt sich zufrieden, wie das Projekt derzeit läuft: «Nach dem Brand des Hauses und dem Einsturz des Notdachs bin ich nun optimistisch, dass das Projekt verwirklicht wird. Die Verantwortlichen von Trun Cultura haben dafür viel Knochenarbeit geleistet.» Und so schliesst sich der Bogen wieder, und diese Geschichte endet da, wo sie angefangen hat: in Trun.
Auf Playsuisse sind diverse Filme mit Zarli Carigiet verfügbar, so etwa «Landammann Stauffacher», «Hinter den sieben Gleisen», «Schneewittchen und die sieben Gaukler».
Casa Carigiet: Eine kleine Übersicht
Die Casa Carigiet in Trun wird 1769 erbaut. Sie ist das Geburtshaus der Künstlerbrüder Alois (1902 bis 1985) und Zarli Carigiet (1907 bis 1981). Am 19. Februar 2019 wird das damalige Wohnhaus durch einen Brand zu grossen Teilen zerstört. Bis sich die Besitzerparteien über das weitere Vorgehen einigen können, bleibt die Brandruine mehr als eineinhalb Jahre ohne Schutz vor Witterungseinflüssen. Regen und Schnee setzen der alten Bausubstanz stark zu.
Im September 2020 erwirbt der italienische Mäzen Luca Padulli die Casa Carigiet und übergibt sie für 99 Jahre im Baurecht an den Verein Trun Cultura. Einen Monat später wird mithilfe eines Gerüsts ein Notdach errichtet, das den Trocknungsprozess vorantreiben und den Bau eines Flachdachs aus Holz ermöglichen soll.
Das Notdach stürzt am 6. Dezember des vergangenen Jahres wegen hoher Schneelast ein – etwa zwei Monate, bevor es planmässig rückgebaut worden wäre. Seit Ende Februar ist das Gerüst entfernt, ein Flachdach aus Holz errichtet. Künftig soll die Casa Carigiet für Ausstellungszwecke genutzt werden. (aus einem älteren Beitrag der «Südostschweiz»)
www.trun-cultura.ch/casacarigiet
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