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Menschen & Schicksale

«In Davos läuft richtig viel»

Andri Dürst
22.11.2023, 12:00 Uhr
heute um 12:16 Uhr

Er sei zwar immer noch in der Kennenlernphase, aber er fühle sich richtig wohl in Davos, erklärt Steinberg. Die grösste Umstellung für ihn sei, dass er vorher in Einzelpfarrämtern tätig gewesen sei und nun in einem Team arbeite. «Zusammen mit Pfarrerin Janine Schweizer und Sozialdiakonin Brigitte Gafner bilden wir quasi ein Trio, wobei ich mit 53 Jahren bereits der Älteste bin», erzählt er mit einem Schmunzeln. Doch nicht nur die Arbeit mit seinen beiden Kolleginnen, auch die enorme Vielfalt an Glaubensgemeinschaften in Davos sei für ihn neu. «Anfangs habe ich gestaunt, dass es hier im Ort so viele verschiedene Kirchen gibt.» Doch die Zusammenarbeit unter dem Dach der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in Davos (AKiD) laufe sehr positiv. «Es läuft hier richtig viel». «Ein weiterer Vorteil von Davos ist die Zusammenarbeit unter den reformierten Kirchgemeinden, dank derer wir Ressourcen bündeln können», findet Steinberg und fügte als Beispiel den kürzlich durchgeführten Reformationssonntag an. Doch auch abseits seiner Arbeit fühle er sich wohl im Landwassertal. «Ich kannte den Ort vorher kaum, aber die Vielfalt hier gefällt mir sehr.» Sportlich gesehen setze er vor allem aufs Wandern. «Vielleicht aber probiere ich diesen Winter auch Langlaufen einmal aus», verrät er.

Naturwissenschaftlich interessierter Theologe

Aufgewachsen ist der Theologe in anderen Gefilden, nämlich in Bad Hersfeld in der Nähe von Fulda. Eigentlich wollte Steinberg Lehrer werden und fokussierte sich auf Mathematik und Religion. Mit christlichen Themen in Kontakt getreten sei er mit etwa 14 Jahren, als er das Deutsche Pendant zur Cevi besuchte. «Die Organisation machte eine tolle Jugendarbeit», erinnert er sich zurück. Später sei er dann in den Kirchenvorstand berufen worden. Arbeiten mit Menschen, das prägte ihn auch während seines Zivildienstes, den er während der Wende im Herbst 1989 bei einer ökumenischen Bahnhofsmission an einem innerdeutschen Grenzbahnhof absolvierte. «Am Bahnhof Bebra hatte ich oft mit Reisenden aus der DDR nach Westdeutschland zu tun.» Doch auch mit Randständigen und Suchtkranken sei er während des ­Zivildienstes in Kontakt gekommen. Wieder zurück im «normalen» Leben habe er dann das Lehramt weiterverfolgt. Doch es zeigte sich, dass Mathematik und Religion zwei nur schwer zu vereinbarende Fächer waren. «Deshalb wechselte ich nach Heidelberg und studierte ab dann Vollzeit Theologie.» Steinberg selbst bezeichnet sich selber allerdings immer noch als «naturwissenschaftlicher Typ». Kommt man da als Bibel-Gelehrter nicht früher oder später in einen Konflikt? «Nein», findet der 53-Jährige. «Zum Beispiel bei der Schöpfungsfrage sehe ich keinen Widerspruch.» Die erste Schöpfungserzählung sei für ihn in Anbetracht ihres Entstehungszeitraums schon fast ein demokratischer Akt. «Gott schuf den Menschen nach seinem Ebenbild», zitiert er dazu. Wenn ihn nun ein kleiner Junge fragen würde, wie die Welt entstanden sei, was würde er ihm antworten? «Dann würde ich mit der naturwissenschaft­lichen Theorie antworten.» Bei dieser Thematik gebe es für ihn einen äusseren und einen inneren Grund für die Entstehung der Welt und des Menschen, präzisiert er: «Ich stelle mir das so vor: Der äussere Grund für die Entstehung des Menschen ist das, was die Evolutionstheorie sagt, der innere die Liebe Gottes.«

Zweites Standbein aufgebaut

Doch zurück zu Steinbergs Werdegang. Nachdem er in Deutschland sein Vikariat absolviert hatte, machte er einen Abstecher in die Finanzökonomie. «Ich wollte mir ein zweites Standbein aufbauen und besuchte die ‹Business School› in Hessen.» Denn zeitweise sei es nicht immer einfach gewesen, in Deutschland als Pfarrer eine Stelle zu finden. So schaute er sich 2012 etwas um und bewarb sich ein erstes Mal in der Schweiz, genauer gesagt in der Davoser Nachbargemeinde Bergün. Doch es verschlug ihn dann doch nicht ins Albulatal, sondern in die Surselva. «In Trin erhielt ich meine erste Stelle in der Schweiz.» Dort habe er nicht nur Mundart verstehen gelernt, sondern besuchte auch einige Kurse in Rätoromanisch. Eine reformierte Kirchgemeinde in einem sonst überwiegend katholischen Gebiet, das war auch ein der Rahmenbedingungen bei seiner nächsten Stelle, die er in der Zentralschweiz antrat. Die nächste Station war aber wieder in Graubünden, nämlich in Saas. Neben seinem Amt als Pfarrer war er auch als Heimseelsorger im Pflege- und Altersheim in Klosters engagiert. Die Seelsorge ist für ihn ein wichtiger Teil seiner Arbeit geworden. So ist er auch im «Care Team» des Kantons tätig.

Nach zwei Jahren im Prättigau erfolgte nun also der Wechsel nach Davos. Gibt es hier etwas, das er ändern möchte? «Ich möchte sicherlich nicht alles umkrempeln», stellt er klar. Falls Veränderungen anstehen würden, so brauche es immer einen gemeinsamen Prozess und einen gemeinschaftlich gefällten Entscheid, fügt er an. Ein Ziel der Kirchgemeinde sei es aber sicherlich, vermehrt jüngere Leute und Kirchenferne anzusprechen. Denn – vieles funktioniere bereits sehr gut, schliesst Steinberg.