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Davoser Naturheilmittel-Pionier gibt die Zügel weiter: Roland Ziers Rückblick

Nach 34 Jahren als selbstständiger Drogist und zahlreichen Höhen und Tiefen übergab Roland Zier sein Geschäft in neue Hände.

Bündner Woche
08.11.24 - 04:30 Uhr
Menschen & Schicksale
Roland Zier tritt fürs Foto noch einmal hinter die Verkaufstheke.
Roland Zier tritt fürs Foto noch einmal hinter die Verkaufstheke.
Andri Dürst

von Andri Dürst

Mit einem freundlichen Lachen und einem kräftigen Händedruck begrüsst Roland Zier einen zum Gespräch. Dass er bereits 63 Jahre alt ist, sieht man dem gross gewachsenen Mann nicht an. Auch wenn er offiziell noch nicht im Pensionsalter ist, darf er nun eine ruhigere Kugel schieben. Denn nach 34 Jahren als selbstständiger Drogist hat er sein Geschäft in Davos Dorf in jüngere Hände übergeben können. Auf eine solch lange Zeit lohnt es sich zurückzublicken.

Fasziniert von der Naturheilkunde

Geboren und aufgewachsen ist Roland Zier in Chur, wo er in der Drogerie Truog am Martinsplatz seine Lehre absolvierte – ein «guter Ort», wie er betont. Doch wieso zog es ihn ausgerechnet in diese Branche? «Drogerie hat viel mit Naturheilmitteln zu tun, und das interessierte mich schon immer sehr. Einen Einfluss hatte sicherlich auch meine Mutter – sie war eine regelrechte Kräuterfrau.»

Nach der Lehre entstand der Wunsch, sich weiterzubilden. Und so besuchte er in Neuenburg die einzige Höhere Fachschule für Drogistinnen und Drogisten in der Schweiz. Dort absolvierte er die Meisterprüfung. «Einerseits vertieft man in Neuenburg das, was man in der Lehre gelernt hat, andererseits kommt viel Wissen in Sachen Fabrikation und im kaufmännischen Bereich hinzu.» Auch über die Zusammenhänge von Krankheiten habe er dort viel gelernt. «Das machte mich ‹giggerig›, dieses Wissen anzuwenden.»

Die Hausspezialitäten sind das Steckenpferd der Drogerie.
Die Hausspezialitäten sind das Steckenpferd der Drogerie.
Andri Dürst

Schritt in die Selbstständigkeit

Doch ein eigenes Geschäft musste noch warten. Zuerst absolvierte er verschiedene Stellvertretungen in der ganzen Schweiz. «Auch im Unterland. Aber ich merkte, dass es dort als Bündner nicht einfach ist», meint er und schmunzelt. Die fehlenden Berge und der viele Nebel seien nämlich nichts für ihn. So ging es zurück in die Alpen, genauer gesagt nach Klosters, wo er eine Stelle in der Dropa Drogerie antrat. Doch der Wunsch nach einem eigenen Geschäft bestand noch immer. «Wenig später kontaktierte mich ein Bekannter und machte mich darauf aufmerksam, dass es in Davos eine Drogerie zu übernehmen gibt.» Am 1. Oktober 1990 war es dann so weit, und Roland Zier startete seinen eigenen kleinen Betrieb im Haus Borgonovo. «Anfangs hatte ich nur eine Aushilfe angestellt», fügt er hinzu. 1992 erfolgte der nächste grosse Schritt: Als weiter vorne im Dorf, an der Promenade 144, eine Metzgerei ihre Türen schloss, packte Roland Zier die Chance und übernahm die Räumlichkeiten. So erhielt er grosszügige Flächen für die Produktion. Das Speziellste aber sollte der Kundenbereich werden. «Wir haben hier viele Feriengäste, die zu uns in die Berge kommen. Daher hatte ich die Idee, eine Drogerie im Stil eines Bündner Stüblis zu gestalten. Ich beauftragte einen Schreiner damit, und so entstand die heutige Einrichtung, die übrigens ausschliesslich aus Arvenholz besteht.»

Wo einst eine Metzgerei einquartiert war, befindet sich seit 32 Jahren die Davoser Dorf-Drogerie.
Wo einst eine Metzgerei einquartiert war, befindet sich seit 32 Jahren die Davoser Dorf-Drogerie.
Andri Dürst

Konkurrenz direkt vor der Nase

Das Geschäft begann zu laufen, und bald konnte der gebürtige Churer auch Lehrstellen anbieten. Doch dann kam ein tiefgreifender Einschnitt für den Kleinbetrieb: Direkt auf der anderen Strassenseite eröffnete die damalige Drogeriemarktkette «Estorel» eine Filiale. Diese konnte viele Produkte günstiger anbieten als Roland Zier. «Einige Leute haben mir damals geraten, mein Geschäft zu schliessen», verrät er. Doch das sei für ihn nicht infrage gekommen. «Ich beschloss zu kämpfen.» So führte er eine grosse Sortimentsbereinigung durch. «Alles, was Estorel auch anbot, nahm ich aus meinem Sortiment. Stattdessen fokussierte ich mich auf Eigenprodukte. So habe ich nach Leuten gesucht, die mich bei der Entwicklung unterstützen.» Auch in ihm selbst kam wieder der Tüftler hervor. Getreu dem Slogan «Natürlich besser» setzte er konsequent auf Naturheilmittel. «Aus heutiger Sicht muss ich sagen: Das war der beste Entscheid, den ich je gefällt habe.» Gewisse Produkte seien so nur bei ihm erhältlich. Dieses Alleinstellungsmerkmal sei sicher ein wichtiger Pfeiler des Erfolgs gewesen, meint er. Und auch mit der Konkurrenz vis-à-vis habe er sich arrangiert. «Heute bin ich sogar froh, gibt es diesen Drogeriemarkt, da er Kundschaft ins Dorf bringt. Mittlerweile ergänzen wir uns wunderbar.»

Die im Bündner Stil eingerichtete Drogerie ist wohl eines der heimeligsten Geschäfte von Davos.
Die im Bündner Stil eingerichtete Drogerie ist wohl eines der heimeligsten Geschäfte von Davos.
Andri Dürst

Ideale Nachfolgelösung

Und so zogen die Jahre ins Land. «Nach über 30 Jahren Berufstätigkeit kann es auch mal vorkommen, dass Eltern, die ich noch als kleine Kinder kannte, nun mit ihrem eigenen Nachwuchs im Laden vorbeikommen.» Die Drogerie hat also keineswegs an Bedeutung verloren. «Aus meiner Sicht ist eine Drogerie eine sehr sinnvolle Anlaufstelle, wenn man etwas kränkelt oder sich nicht fit fühlt. Bei uns erhält man eine Heilmittelberatung, die oft auch günstiger ist als bei einem Arzt.» Hier dürfe man auf den grossen Wissensschatz der Drogistinnen und Drogisten vertrauen. «Das, was die heutigen Lehrabsolventinnen und -absolventen alles wissen, ist auf einem sehr hohen Niveau», unterstreicht Roland Zier. Und so sei auch seine Lieblingstätigkeit die Beratung gewesen. «Es ist manchmal eine Detektivarbeit, einem gesundheitlichen Problem auf den Grund zu gehen. Man muss daher die richtigen Fragen stellen und auch etwas zwischen den Zeilen heraushören.»

Roland Ziers Augen leuchten noch immer, wenn er von seinem Berufsalltag erzählt. Doch diese Zeiten sind mittlerweile vorbei. Am 1. Oktober hat er sein Geschäft in jüngere Hände übergeben. «Meine Nachfolgerin Marina Meisser absolvierte bereits die Lehre bei mir. Nach der Weiterbildung in Neuenburg und einigen Lehr- und Wanderjahren fragte sie mich an, ob es die Möglichkeit gebe, mein Geschäft zu übernehmen», erzählt der Neo-Pensionär. «Sicher gibt es die», lautete seine Antwort. Er habe sowieso nie bis 70 im Laden stehen wollen. Dass es mit seiner Nachfolgerin so wunderbar aufgegangen sei, sei ideal. «Ich kenne viele andere Ladenbesitzerinnen und -besitzer, die Mühe haben, eine Nachfolge zu finden.»

Noch aber wartet eine letzte Tätigkeit auf den 63-Jährigen. «Im November werde ich noch Röteli, eine Hausspezialität von uns, produzieren. Dann aber ist Schluss, und ich gehe in den Ruhestand.» Wobei bei ihm wohl die berühmte Vorsilbe «Un» vor das Wort «Ruhestand» gehängt werden muss. Einerseits plane er einen Sprachaufenthalt in England oder Irland. «Über die Jahre hinweg habe ich eine Art Business-Englisch entwickelt. Gerne aber würde ich nun etwas mehr Konversationen führen.» Und andererseits plane er, seinen Land Rover zu einem Reisemobil auszubauen. «Während meiner Berufstätigkeit wurde ich meistens von Freunden besucht. Nun habe ich endlich mal Zeit, den Spiess umzudrehen und sie zu besuchen.» Aber auch in Davos werde er seine Zeit geniessen. «Ich freue mich, wenn ich wieder mehr ‹z'Berg› gehen kann. Und auch auf die Jagd werde ich sicher wieder gehen.» Eines ist also schnell klar: Der Natur wird der Roland Zier auch weiterhin verbunden bleiben.

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