«Nie alleine unterwegs»
Es ist Montagabend kurz nach sieben. Feuerwehrkommandant Renzo, sein Vize Robert und der Offizier Reto schleppen Stromgeneratoren, Kabelrollen und Scheinwerfer heran. Rauchmaschinen und Feuerstellen simulierende Leuchten vervollständigen die Ausrüstung. Die drei Feuerwehrkader wuchten alles über die Baustellengitter. Heute Abend gehört das für den Abbruch bestimmte Haus ihnen, und ihre Aufgabe als Übungsleiter ist es, die nachfolgende Kaderübung vorzubereiten. Einige Räume werden abgesperrt. «Wir sind heute Abend nur mit wenig Personal unterwegs, da soll die Aufgabe bewältigbar bleiben», erklärt Reto. Anderenorts werden Rauchmaschinen platziert, «Feuer» markiert. Mächtig Staub wirbelt auf, als Renzo mit einem Besen die Glasscherben beiseite wischt. «Wir wollen unsere Schläuche nicht zerschneiden», begründet er den Kampf. «Sicherheit ist oberstes Gebot», sagt er, während er Stolperfallen beiseite räumt. Inzwischen füllen sich die Räume mit Rauch. «Der ist völlig ungiftig, damit wird auch in Diskotheken gearbeitet», beruhigt Robert. Der Effekt ist aber durchschlagend, die Hand ist vor den Augen nicht mehr zu sehen, der Hintereingang abgeschnitten. Die Berichterstatterin zieht sich ins halbwegs «sichere» Treppenhaus zurück. Dann tauchen aus den Schwaden weitere Gestalten auf. Es sind die vier Figuranten, die die im Haus gefangenen Personen simulieren sollen. Sie verteilen sich auf die ihnen zugewiesenen Plätze, die kantonale Einsatzleitzentrale in Chur wird informiert. «Sie müssen wissen, dass hier eine Übung stattfindet. Sonst lösen besorgte Nachbarn vielleicht einen echten Alarm aus, oder die Polizei sucht nach Einbrechern», erklärt Robert.
Alles wird ausgefahren
Dann geht der Übungsalarm raus, schon Minuten später steht das erste Einsatzfahrzeug am Strassenrand. Nach und nach erscheint die ganze Flotte, schliesslich wissen die Feuerwehrleute nie, was sie vor Ort erwartet. Der Einsatzleiter erfragt zusätzliche Informationen vom Kommandanten, die Feuerwehrleute machen sich bereit. Quälend lange Minuten vergehen, bis schliesslich der Suchtrupp an der Türklinke rüttelt. «Sobald Rauch im Spiel ist, müssen sie sich zuerst mit Atemschutz ausrüsten», erklärt Robert, der diesen Übungsteil beobachtet.
Zumeist Brandmeldeanlagen
Die Türe ist verschlossen, zwei kräftige Schläge mit dem Brecheisen, sie springt auf. Der aus zwei, mit einer Kordel verbundenen Feuerwehrleuten bestehende Suchtrupp tritt ein. Ihre Aufgabe ist es, möglicherweise im Haus befindliche Personen zu lokalisieren und in Sicherheit zu bringen. Eine Führungsleine wird am Eingang befestigt, und die beiden maskierten Gestalten dringen ins von Rauch gefüllte Halbdunkel vor. «Das ist ihre Lebensleine. Im Notfall finden sie entlang dieser wieder ins Freie», erklärt Robert. Schon im zweiten Zimmer findet der Suchtrupp einen der Figuranten, und er wird hinausgetragen. Dann machen sich die beiden Männer auf den Weg die Treppe hinauf. Zu etwa 50 bis 100 Ernstfällen würden sie jedes Jahr gerufen, erzählt, Robert. «Am häufigsten, um Brandmeldeanlagen zurückzusetzen», ergänzt er mit einem leicht gequälten Lächeln. Währenddessen hantiert der Suchtrupp im Obergeschoss. Dort ist die Sicht gleich null. «Da muss man alle seine anderen Sinne einsetzen und kann sich oft nur tastend fortbewegen.» Helfen würde eine Wärmebildkamera, mit der man Personen und Brandherde schneller finden könne, sofern der Rauch nicht zu dicht sei.
Immer zu zweit unterwegs
Inzwischen legt die ebenfalls zweiköpfige Löschmannschaft einen Schlauch aus. «Wir ziehen davon so viel wie möglich herein, damit man eine Schlauchreserve in der Nähe des Brandes hat. Beim Löschen ist man dynamisch unterwegs, und man muss immer die Position oder der Standort wechseln. Denn sind die Schläuche mal voll Wasser, werden sie unheimlich schwer», weiss Robert. Dann verschwindet die Löschmannschaft Richtung Keller. Kurz darauf marschiert sie im Stechschritt wieder hinaus. Einer trägt eine Gasflasche. «Gas ist bei einem Brand immer ein grosser Gefahrenherd. Darum muss so etwas sofort raus, um draussen kontrolliert abzukühlen.» Das Spiel wird sich noch einmal wiederholen. Wieder trägt nur einer Gefahrengut. «Ein Team trennt sich nie. Sie geben sich gegenseitig Rückendeckung», erklärt Robert.
Rettung vom Balkon
Über Funk ist zu hören, wie offenbar eine Person von einem Balkon gerettet wird. Das dabei am dringendsten benötigte Rettungsgerät ist eine Handschiebeleiter. Dann wird es wieder ruhig. Die Rettung ist geglückt.
Atemgerät austauschen
Inzwischen hat der Suchtrupp im oberen Stock eine weitere Person gefunden und geleitet den benommenen Mann über die geländerlose Treppe nach unten. Im ersten, bereits durchsuchten Raum poltert derweil der bei der Suche nicht gefundenen Figurant. «Für uns als Feuerwehr ist es sehr hilfreich, wenn sich Personen bemerkbar machen, so können wir sie schneller lokalisieren und retten.» Der Suchtrupp reagiert und verschwindet erneut die Treppe hinauf. Ein durchdringender Pfeifton schreckt kurz alle auf. «Eines der Atemgeräte hat nicht mehr genügend Druck», erklärt Robert, und schon marschiert der Suchtrupp vorbei und runter zum Einsatzfahrzeug. Die Ausrüstung muss ausgetauscht werden. Minuten später erscheint der Suchtrupp wieder und verschwindet abermals im oberen Stock. Doch irgendwann wird auch der erste Raum noch einmal durchsucht und der unter einem umgestürzten Tisch liegende Figurant gefunden.
Schwachstellen aufgedeckt
Inzwischen sind die Finger klamm, der Löschtrupp hat den Schlauch hoch in den oberen Stock gezogen. Draussen erhält der Feuerwehrmann am Wasseranschluss den Befehl: «Wasser marsch!» «Wasser marsch», brüllt er zurück, und für die Berichterstatterin ist es Zeit, den Tatort zu verlassen, bevor sie auch noch nass wird. Für die Feuerwehrleute ist der Einsatz aber noch lange nicht beendet. Nach dem Löschen des letzten Brandherdes stehen noch das Aufräumen und das Vorbereiten des Materials für den nächsten Einsatz bevor. Ausserdem die unvermeidliche Einsatzbesprechung. «Im grossen Ganzen war ich mit der Übung zufrieden», sagt Kommandant Renzo. «Sie zeigte einige Schwachstellen auf, an denen wir noch arbeiten müssen, doch genau dafür machen wir sie.»