«Das muss man aushalten können»
Am 24. November entscheidet sich, wer in Rappers-wil-Jona künftig das Stadtpräsidium bekleidet. Amtsinhaber Martin Stöckling (FDP) erhielt im ersten Wahlgang 2534 Stimmen, über 1500 weniger als die parteilose Herausfordererin Barbara Dillier (4101). Selbst GLP-Kandidat Boris Meier (2583) lag noch vor Stöckling. Die Zeichen stehen also auf Wechsel. Leaderin Dillier stand für ein Streitgespräch vor dem zweiten Wahlgang nicht zur Verfügung. Deshalb hat die «Linth-Zeitung» Martin Stöckling nach dem Debakel im ersten Wahlgang nochmals auf den Zahn gefühlt.
Martin Stöckling, wie fühlen Sie sich knapp zwei Wochen vor dem zweiten Wahlgang?
Gut. Es ist ein intensiver Wahlkampf. Mit vielen spannenden Gesprächen und zuversichtlich stimmenden Feedbacks, auch im Strassenwahlkampf. Ich bin positiv überrascht, wie viele Unentschlossene dort das Gespräch mit mir gesucht haben.
Hand aufs Herz: Glauben Sie wirklich, dass sich das Resultat des ersten Wahlgangs noch drehen lässt?
Das wird sich am 24. November zeigen. Ich habe viel Emotion und Engagement in den Wahlkampf gesteckt.
Spüren Sie eine andere Dynamik als im ersten Wahlgang?
Ich höre oft das Denkzettel-Argument. Aber auch, dass Wähler von Boris Meier sich dahingehend äussern, mir im zweiten Wahlgang die Stimme zu geben. Weil sie mich für die überzeugendere der zwei Kandidaturen halten.
Man hält Sie für das kleinere Übel?
(Lacht) Ich schliesse nicht aus, dass es auch solche Meinungen gibt. Wenn ich die Medienmitteilungen der Parteien lese, die Stimmfreigabe beschlossen haben, lässt sich daraus lesen, dass diese mit meiner Politik zwar nicht immer einverstanden waren, aber Barbara Dillier für nicht geeignet halten.
Ich habe mehrfach mit Boris Meier gesprochen und meine Sicht erklärt.»
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Die GLP ist sauer, dass Sie Boris Meier den Weg versperrt haben. Aufgrund des zweitbesten Resultats im ersten Wahlgang wäre er der logische Kandidat für die Endausmarchung gewesen.
Es gibt Systeme, wo automatisch die zwei Bestplatzierten in die Endausmarchung kommen. Bei uns nicht. Am Schluss des Tages ist es immer eine Abwägung zwischen Wahlresultat, dem Willen, nochmals anzutreten, aber auch der Abschätzung, wie hoch das Wählerpotenzial ist. Das habe ich Boris Meier dargelegt.
Die GLP sagt, Sie seien vorgeprescht.
Ich habe mehrfach mit Boris Meier gesprochen und meine Sicht erklärt. Seine Vorschläge für den zweiten Wahlgang waren aus meiner Sicht nicht realistisch. Irgendwann musste ich entscheiden. Ich bin der GLP auch keine Rechenschaft schuldig.
Wenn Meier schneller entschieden hätte, hätten Sie verzichtet?
Das ist eine hypothetische Frage.
Warum glauben Sie, mehr Wählerpotenzial zu haben als Meier?
Ich schätze es so ein, dass ich in einem zweiten Wahlgang mehr zulegen kann als Boris Meier, der politisch zwar liberal bezeichnet ist, aber primär doch deutlich links-grüne Anliegen vertritt.
Wären Sie wirklich noch im Rennen, wenn Sie dies nicht müssten, um vom Auffangnetz der Abwahlversicherung zu profitieren?
Ich habe mit 40 000 Franken das gleich grosse Budget im zweiten Wahlgang wie im ersten und investiere viel Zeit und Energie. Wenn ich nicht überzeugt wäre, den Job mit Begeisterung weiter machen zu wollen, würde ich das nicht tun. Ich bin gerne Stadtpräsident und überzeugt, dass ich die bessere Lösung für unsere Stadt bin.
Ob ich das gut finde oder nicht, ist eine andere Frage.»
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Auch manche Unterstützer sagten, dass es ein starkes Zeichen gewesen wäre, wenn Sie erklärt hätten, freiwillig auf die Abwahlversicherung zu verzichten. Warum taten Sie das nicht?
Erstens habe ich eine soziale Verantwortung meiner Familie gegenüber. Zweitens sehe ich aber auch die Schlagkraft des Arguments nicht. Warum soll meine Kandidatur überzeugender sein, wenn ich auf die Versicherung verzichte? Wenn man mich für den besseren Kandidaten hält, soll man mich wählen. Sonst eben nicht. Zumal es ja eine Versicherung ist, und keine Abfindung, die Folgekosten für die Stadt generiert.
Für teils empörte Reaktionen sorgen Inserate und Flyer des Komitees «Besorgter Bürgerinnen und Bürger». Finden Sie es gut, dass Ihre Unterstützer eine Negativ-Kampagne gegen Frau Dillier fahren?
Ob ich das gut finde oder nicht, ist eine andere Frage. Die Unterstützer fragten mich, ob ich dagegen sei. Ich verneinte.
Also finden Sie es gut?
Wenn man einen Wahlkampf nur mit inhaltsleeren Worthülsen führt und die Stimmbürger im Dunkeln lässt, wohin man die Stadt führen will, ist es nachvollziehbar und legitim, dass ein Teil der Bürgerschaft sich Fragen stellt. Dass Barbara Dillier Mühe hat, sich hinterfragen zu lassen, zeigt ihre Absage an ein Streitgespräch in der «Linth-Zeitung» und dass sie auf kritische Fragen nur schriftlich antwortet.
Manche Frauen sagen, dass ein Mann nicht so angegriffen würde.
Ich bin acht Jahre lang kritisch hinterfragt worden. Bei «Linth24» in einer Quantität, die kampagnenartig war. Dort wurde gar meine charakterliche Eignung für das Amt infrage gestellt. Bei persönlichen Angriffen gegen Barbara Dillier wäre ich eingeschritten. In den Inseraten wird nur die fachliche Eignung hinterfragt. Solange Kritik auf dieser Ebene bleibt, muss man das in dieser Position aushalten können.
Zeitpunkt, Machart und der wenig transparente Absender verstärken den Eindruck, dass es sich um eine Schmutzkampagne handelt. Schadet das nicht mehr, als es nützt?
Das wird sich am 24. November zeigen. Dass der Wahlkampf auf diese indirekte Weise geführt wird, ist auch ein Resultat davon, dass Barbara Dillier die direkte politische Konfrontation meidet.
Es war im ersten Wahlgang eine spezielle Konstellation mit zwei Kandidaten aus dem Stadtrat.»
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Haben Sie und Ihre Unterstützer die Stimmung vor dem ersten Wahlgang falsch eingeschätzt, dass man erst jetzt Dilliers Leistungsausweis infrage stellt?
Das müssen Sie Sandro Ruggli fragen.
Die Mehrheit stimmte für eine Veränderung. Anders lässt sich das Resultat des ersten Wahlgangs nicht erklären. Warum soll ein beträchtlicher Teil dieser Stimmberechtigten nun doch für Sie stimmen?
Es war im ersten Wahlgang eine spezielle Konstellation mit zwei Kandidaten aus dem Stadtrat. Im links-grünen Spektrum hätte man einen etwas linker orientierten Stadtpräsidenten begrüsst. Das ist verständlich.
Die Frage war: Warum sollte dieses Spektrum nun Sie wählen?
Die Bürgerschaft muss sich überlegen: Wollen wir eine Blackbox, die von Bruno Hug unterstützt wird, oder Kontinuität, mit jemand, der gezeigt hat, dass er die Stadt führen kann?
Einer Ihrer Slogans ist «Verbinden statt trennen». Wie wollen Sie das einlösen können, wenn selbst Ihre Partei nicht unisono hinter Ihnen steht und neben der FDP nur die Mitte Sie unterstützt?
Entscheidend ist, ob man eine spaltende Politik macht. Ich habe mehrfach gezeigt, dass ich offen bin, Anliegen aus dem gesamten politischen Spektrum aufzunehmen, auch grüne: sei es Klimastrategie, Grünfelspark, Waldfriedhof, ÖV-Verbesserungen, Veloweg und Tempo 30, wo sinnvoll.
Mit der FDP stimmten Sie im Kantonsrat gegen Tempo 30 auf Hauptachsen und schränkten so die Gemeindeautonomie ein.
Das ist so nicht korrekt. Begründete Ausnahmen bleiben möglich. Aber ich finde es grundsätzlich sinnvoll, wenn es auch innerorts zur Verkehrslenkung eine Tempohierarchie gibt.
Zürcher Gemeinden sind anders organisierte als St. Galler»
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Ein zweiter ihrer Slogans heisst: «Verlässlichkeit statt Experimente». Barbara Dillier hat in Fischenthal gezeigt, dass sie eine Gemeinde führen kann. Offensichtlich auch nicht ohne Rückschläge, aber mit stark positivem Echo vor Ort. Wieso soll sie ein Experiment sein?
Zürcher Gemeinden sind anders organisiert als St. Galler. Sie hat in der Stadt und im Kanton kein Netzwerk. Rapperswil-Jona ist auch von der Grösse her eine andere Welt. Der politische Prozess ist viel komplexer als in einer Landgemeinde mit nur einer Partei. Ich sage nicht, dass Barbara Dillier das nicht kann. Aber den Beweis hat sie nicht erbracht. Sie wird auf jeden Fall viel Zeit brauchen, sich einzuarbeiten. Bisher habe ich ihren Willen, sich mit den brennenden Themen der Stadt zu befassen und dazu klar Stellung zu nehmen, nicht gespürt. Mit mir kann der neue Fünferstadtrat rasch operativ wirken. Und ich habe gezeigt, dass ich mit dem Rat mehrheitsfähige Vorlagen ausarbeiten kann.
Es ist bedauerlich, wenn es keine Frau im Stadtrat hat.»
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Mehrheitlich gelang dies. Es gingen aber auch wichtige Abstimmungen verloren: namentlich Stadtparlament und Badi Lido.
Fakt ist: Wir haben die wichtigste Abstimmung der Legislatur mit dem Tunnel klar gewonnen, während in Fischenthal, wenn ich den Medien glauben darf, es bei der wichtigen Schulvorlage ein doppeltes Nein gab.
Im Lido steht die Stadt nach acht Jahren unter Ihnen auf Feld minus 1. Ausser dem Abbruch des Freibads ist nichts gelungen.
Leider. Das Lido ist eine sehr grosse Herausforderung, weil die Ansprüche und Erwartungshaltungen der verschiedenen Interessengruppen wahnsinnig gross und divers sind. Bei der Badi und beim Parlament gab es zudem die Problematik, dass ein Ja-Entscheid der Bürgerversammlung an der Urne umgestossen wurde.
Was sagen Sie jenen, die finden, ein Stadtrat ohne Frau sei im Jahr 2025 nicht mehr denkbar?
Die Frage ist im jetzigen Zeitpunkt für mich speziell zu beantworten. Es ist bedauerlich, wenn es keine Frau im Stadtrat hat. Aber das Problem fängt nicht in der Endausmarchung an, sondern liegt darin, dass nur zwei Frauen kandidiert haben. Dort gilt es anzusetzen.