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Leben und Freizeit

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Shanghai – Jenins: ein Familienabenteuer zwischen zwei Welten
Bündner Woche
03.11.2022, 04:30 Uhr
heute um 12:16 Uhr

Von Karin Hobi

Die grosse Fensterfront an der Quaderstrasse bietet Einblick in das Coiffeur-Geschäft. Menschen gehen daran vorbei auf dem Weg zur Arbeit oder sonst wohin. Einige blicken hinein, lassen sich vielleicht inspirieren für einen Termin oder betrachten lächelnd – oder kritisch – ihr Spiegelbild in den reflektierenden Fenstern.

Das Klingeln ertönt beim Eintreten in die einladende Räumlichkeit. Es riecht noch nach frischer Farbe. Runde, glänzende Spiegel stehen auf weissem Mobiliar. Und schwarze Ledersessel warten auf die Kundschaft.
Alles ist ordentlich und sauber, die Produkte in den Regalen nach Marke und Farbe sortiert.

Entspannte Musik läuft im Hintergrund. Die Kaffeemaschine geht an. Geschäftsführerin Sonja Parpan streckt ihre Hand zur Begrüssung entgegen. Eine grosse, schlanke Frau mit wachen, braunen Augen und einem starken und gleichzeitig sanften Auftreten. Ein leichter roter Wollpullover – passend zum Lippenstift – sowie schwarze Hosen und Stiefel schmeicheln ihrer Figur. Sie wirkt offener und noch selbstbewusster seit dem grossen Familienabenteuer.

Seit zwei Jahren ist Sonja Parpan wieder zurück im Kanton Graubünden. Nach einem vierjährigen Abenteuer mit ihrer Familie, dass sie sehr geprägt hat. Vor rund sechs Jahren hatte ihr Mann Andreas Parpan nämlich die Möglichkeit, seinen Arbeitsort für eine Weile von Winterthur ins Ausland zu verlegen.

Kein einfacher Entscheid

Es war kein einfacher Entscheid und brauchte auf jeden Fall Mut. Mut, sich auf etwas Unbekanntes einzulassen. Den Mut, Abschied zu nehmen von Menschen, von Gewohntem, von einem Alltag, in dem man sich sicher fühlte. Sie wagten den Schritt. Und so hat das Ehepaar mit den beiden Kindern Sina und Tim, die damals neun und acht Jahre alt waren, ihre Koffer gepackt und ihr Zuhause in Jenins verlassen. Eine Reise von Jenins in die 23-Millionen-Stadt Shanghai.

Sonja Parpan setzt sich auf einen der beigen Stühle an einen runden, dunklen Holztisch. Bunte Trockenblumen sind liebevoll in kleinen Vasen auf dem Tisch platziert. Erst kürzlich sind die Geschäftsinhaberin und ihr Team mit dem Coiffeur Geschäft umgezogen. Sie ist sichtlich glücklich über das Ergebnis der neuen Wohlfühloase.

Stolz schaut sie auf das Mosaikbild an der Wand. Es zeigt die Skyline von Shanghai und besteht aus vielen kleinen Fotos, die bei näherem Betrachten all ihre Bekanntschaften ihrer grossen Reise aufzeigt. «Zuhause haben wir noch ein weiteres Bild und natürlich jede Menge Accessoires, die uns an unsere Zeit in China erinnern», sagt sie und ihre Augen leuchten. Nebst der Freude an die Erinnerungen ist ihre Wehmut spürbar. Shanghai ist überall. Nicht nur an den Wänden.

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In Shanghai war alles anders»Sonja Parpan

«In Shanghai war alles anders», erzählt sie. Die Familie wurde, wie es dort üblich ist, von einer Haushälterin bekocht und unterstützt. Von einer «Aji», wie diese Hilfskraft in China genannt wird. Sie hatten einen grossen Garten mit Swimmingpool. Und dann noch einen eigenen Chauffeur, da sie aus versicherungstechnischen Gründen nicht ans Steuer durften. Der neue Alltag war aber nicht nur mit Vorzügen, sondern auch mit Challenges verbunden. Was schlechte Luft bedeutet, konnte sich die Familie vor der Abreise gar nicht vorstellen. Aber auch Sprache, Schrift, Fahrdistanzen und Verkehr, langsames Internet und erschwerter Informationsfluss waren nicht immer nur einfach. Fremd. Neu. Halt einfach anders. Auch handwerkliche Arbeiten im Haus waren mühsamer als in der Schweiz. «Einen Handwerker aufbieten, brauchte mehrere Anrufe, bis er auftauchte», erzählt sie, «und selbst wenn er dann da war, wurde das Problem nie ganz behoben. Schimmel an der Wand wurde einfach mal kurz mit Farbe überstrichen.»

Zu einer Gemeinschaft zusammengewachsen

Was sie besonders schätzten, war die Lage von Shanghai. Denn die Familie verliess die Grossstadt regelmässig, um zu reisen, und zu schönen umliegenden Orten zu fliegen. Nach Hawaii, nach Tibet, in die Mongolei, nach Kambodscha, Indonesien, Japan, Bali, Malaysia. Alles war so nah. Besonders wichtig waren für die Familie aber all die neuen Bekanntschaften mit anderen Familien, die ebenfalls für ein paar Jahre aus beruflichen Gründen in Shanghai lebten. Aus Mexiko, Holland, Russland, Frankreich, Österreich, Finnland, Deutschland und vielen weiteren Ländern. Tiefe Freundschaften durften entstehen. International. Multikulti. Bunt durchmischt.

Sie trafen sich regelmässig, tanzten, feierten und unternahmen gemeinsam Dinge. Sonja Parpans Gesicht strahlt, während sie davon erzählt. Als würde sie in Gedanken in einer Bar Shanghais mit Ausblick auf die beleuchtete Grossstadt tanzen. «Jede Familie war so anders mit ihren Gewohnheiten und Themen», sagt sie, «und trotzdem waren alle so gleich in Sachen Reisen, Offenheit und Interesse an anderen Menschen und Kulturen. Wir sind zu einer richtigen Gemeinschaft zusammengewachsen.»

Abschiede und Heimweh

Das Klingeln des Telefons ertönt. Ein Kunde betritt das Coiffeur-Geschäft. Ein Haarföhn geht an. Es herrscht Leben. Es passiert etwas. So wie es Sonja Parpan eben mag.

Manchmal ist es ihr seit der Rückkehr in die Schweiz richtig langweilig. «In Shanghai gab es so viele Angebote, Highlife, Reisen und so viele Menschen unterschiedlicher Herkunft, die einfach füreinander da waren», schwärmt sie und die Wehmut zeichnet sich in ihren Augen ab. Sie ist sichtlich gerührt und taucht sofort wieder in die Welt der Erinnerungen ein. Auch an die der vielen Abschiede. Und an das Heimweh. «Wenn ich dort war, fühlte ich das Heimweh nach Graubünden. Und jetzt vermisse ich die Zeit in Shanghai», gesteht sie mit Tränen in den Augen.

Die Familie reiste während der vier Jahre regelmässig zurück nach Graubünden, um die Kontakte hier aufrechtzuerhalten. «Wir schätzten jeweils die wunderbare Natur Graubündens, den blauen Himmel, die saubere Luft und vor allem das Wiedersehen mit unseren Familien und Freunden.» Ausserdem arbeitete sie bei jeder Heimreise in ihrem Coiffeur Geschäft, um ihr Team vor Ort zu begleiten. «Das war zwar schön», sagt sie, «aber der Abschied, der war jedes Mal traurig und schwer.»

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Nach drei Wochen Abschied wollten wir nur noch abreisen»Sonja Parpan

Nach vier Jahren Shanghai entschied sich die Familie für die definitive Rückkehr in die Schweiz. Ein weiterer grosser Abschied, der mit einer grossen Pool-Party mit allen Freunden zelebriert wurde. Wegen Corona hat sich die Rückreise jedoch verzögert. Die Container waren längst verladen und sie lebten nur noch aus den Koffern. «Nach drei Wochen Abschiednehmen wollten wir nur noch abreisen», erinnert sich Sonja Parpan.

Auf einmal befindet sich die Familie wieder in einem Dorf mit rund 850 Einwohnern. Ein Kulturschock. Zuerst war alles schön. Wiedersehensfreude. Und dann kam die Krise. «Andreas und ich sind so richtig in ein Loch gefallen», erzählt Sonja Parpan.

Eine wunderbare Lebensschule

Bei ihrem Mann habe es sich mit einer neuen beruflichen Herausforderung wieder eingependelt. Und sie selber widmete sich dem Umzug ihres Coiffeur-Geschäfts. Die Kinder Sina und Tim waren mit dem Schulwechsel beschäftigt und mussten sich nach dem Abschied von ihren Freunden in Shanghai wieder in neu entstandene Gruppen in Graubünden einfügen. «Sie haben das sehr gut gemeistert, da sie sich nun gewohnt sind, offen auf andere Menschen zuzugehen», erzählt Sonja Parpan. Trotzdem: Zurück in einem völlig anderen Schulsystem, das war schwierig für die beiden. Auf einmal so viel Druck, viele Prüfungen und Benotungen. «In der internationalen Schule lief alles ganz anders. Da mussten sie vor allem vorgegebene Themen recherchieren, sich informieren, Präsentationen gestalten und diese vor der Klasse vortragen», erzählt die Geschäftsführerin. Ein komplett anderes Arbeiten und Lernen.

Für Sina und Tim sei auf jeden Fall bereits klar, dass sie einen Beruf erlernen werden, den sie auf der ganzen Welt ausüben und möglichst viel Reisen können. «Die Zeit in Shanghai hat uns sehr geprägt», sagt die Geschäftsführerin und trinkt Tee aus ihrer grossen grünen Tasse. Sie wirkt entspannt. «Es war eine wunderbare Lebensschule, trotz vielen Auf und Ab, Heimweh und Abschied nehmen», fügt sie hinzu.

Was sie besonders vermisse? «Den eigenen Swimmingpool im Garten», antworte sie und lacht. Und dann wird sie ganz ruhig. «Unsere Freunde», sagt sie. Ob Shanghai oder Jenins, es sind vor allem die Menschen und das gemeinsame Erlebte, das den jeweiligen Ort für die Familie zu etwas ganz Besonderem macht.