Wie die Alpendohlen
Von Cindy Ziegler
Wir nennen den jungen Mann in diesem Text Marco*. Wer er ist, will er nicht in der Zeitung lesen. Zu oft schon ist er für sein Hobby angegangen worden. Zu häufig auf Unverständnis gestossen. Um was es ihm beim Basejumping gehe, würden viele nicht begreifen.
Es ist ein heisser Sommertag. Marco sitzt vor seinem Handy. Die Airpods in den Ohren, ein gestreiftes Hemd am Körper. Freundlich lächelt er beim Videoanruf zur Begrüssung. Der Ostschweizer Dialekt drückt beim Wahlbündner immer ein bisschen durch.
Frei wie ein Vogel
Statt vor dem Handy wäre Marco wohl gerade lieber in der Luft. Im freien Fall. Am Fliegen, wie er es nennt. «Es ist tatsächlich genau so, wie ich mir das Fliegen schon als kleiner Junge vorgestellt habe. Beim Basejumping fühle ich mich frei wie ein Vogel. Nicht wie ein Huhn, eher wie eine Alpendohle», sagt er mit einem Augenzwinkern. Wenn er von seinem Hobby – oder besser gesagt, einem seiner vielen – spricht, glänzen die blauen Augen und die Lippen formen ein schmales Grinsen. Die Faszination für das Fliegen habe schon als Kind begonnen. Mit seinen Grosseltern sei er oft in der Nähe eines Flugplatzes gewesen und habe Fallschirmspringenden zugeschaut. Irgendwann habe er auch damit begonnen, so richtig gepackt hat ihn das aber noch nicht. «Ich weiss noch, als ich als Teenager die ersten, rudimentären Wingsuits in einem Laden gesehen habe», sagt Marco. Vom Fallschirmspringen kommt er zum Basejumping. Und erinnert sich auch heute, zehn Jahre nach seinem ersten Sprung, genau an den Moment. «Unvergesslich», kommentiert er.
Sowieso. Beim Absprung komme es ihm immer so vor, als würde alles in Zeitlupe geschehen. «Es ist ein wahnsinnig intensiver Moment. Es gibt sogar Studien, die zeigen, dass die Eindrücke dann direkt im Langzeitgedächtnis gespeichert werden», erklärt der Sportler. Er habe eine Art Ritual vor dem Sprung. Ein Ablauf, ein In-sich-Kehren, das er auch sonst im Leben durchläuft, wenn etwas höchste Konzentration erfordert. «Ich bin dann extrem fokussiert.» Erst wenn alles stimmt, mache er einen Schritt nach vorne. So weit, bis die Zehenspitzen schon über den Abgrund ragen. «Dann kippt man nur noch nach vorne und stösst sich ab. Das ist der Moment, wo man nicht mehr zurück kann», sagt er.