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Leben und Freizeit

Weihnachtsfest im Comanderzentrum: «Die Stille kann beklemmend sein»

Bündner Woche
22.12.2022, 04:30 Uhr
heute um 12:16 Uhr

von Riccarda Hartmann

Weihnachten. Das Fest der Liebe, wird gesagt. Eines, das in der Familie gefeiert wird. Kaum einem Menschen begegnet man auf den Strassen an Heilig Abend. Die meisten sind zu Hause in der Wärme und sitzen mit der Familie zusammen um einen Weihnachtbaum herum. Mit Geschenken und dem Duft von Weihnachtsguatzli in der Nase. Wo bleiben die, die alleine sind? Die, die mit niemanden anderem feiern können? Eine Anlaufstelle in Chur bietet das Fest «Weihnachten für Alleinstehende», organisiert von der Reformierten Kirche und dem Evangelischen Hilfsverein in Chur.

Herr Jäger, Sie organisieren «Weihnachten für Alleinstehende». Warum ist ein solches Fest gerade an Weihnachten wichtig?

Martin Jäger-Aebi: Bis zum 24. Dezember am Nachmittag herrscht in der Regel ein grosser Trubel. Um etwa vier Uhr schliessen die Läden und die Strassen leeren sich schnell. Dann wird es in der Stadt Chur schlagartig still. Es ist praktisch alles zu. Das kann unter Umständen ziemlich beklemmend sein. Die meisten Menschen feiern am 24. Dezember für sich selbst zu Hause mit der Familie. Weihnachten kann aber für einige Menschen auch eine emotional schwierige Zeit sein. Die Weihnachtsfeier ist eine Tradition, die viele aus der Kindheit kennen und die je nach Biografie dramatisch verlaufen kann. Zum Beispiel dann, wenn die Eltern nicht mehr zusammen mit den Kindern feiern können oder wenn junge Paare noch keine eigene Tradition entwickelt haben. Was aber am häufigsten vorkommt, ist, dass Menschen allein sind. Gerade auf das Alter hin gibt es viele verwitwete Menschen, bei denen die Kinder vielleicht in alle Welt ausgeflogen sind oder es waren nie Kinder da. Oder gar keine Verwandte. Und für diese Menschen ist es enorm wichtig, dass sie irgendwo am Abend des 24. Dezembers andere Menschen treffen.

Gibt es wirklich keine Veranstaltungen in Chur an Weihnachten?

In Chur gibt es noch eine Disco und eine Bierhalle, die offen sind. Das sind zwei weitere Orte, die in dieser einsamen Phase geöffnet haben. Und so gibt es für verschiedene Menschen irgendwo eine Anlaufstelle. Denn sonst erinnert Chur an das Bühnenbild vom «Mädchen mit den Schwefelhölzern».

Seit wann gibt es «Weihnachten für Alleinstehende»?

Es ist eine lange Tradition der Reformierten Kirche Chur. Soviel ich weiss, gibt es sie seit den 70er-Jahren, seit es die Wohnsiedlung Comander hier in Chur gibt. Ich organisiere es seit zwölf Jahren. Es ist eine wichtige Tradition, die die Reformierte Kirche aufrechterhalten möchte.

Was bewegt Sie dazu, diese Feier zu organisieren?

Ich möchte einen Ort der Begegnung schaffen. Das ist auch ein zentrales Thema meiner kirchlichen Arbeit. Wir schaffen einen Ort der Begegnungen für die Menschen untereinander und mit Gott. Das ist meine Motivation.

Wie sieht denn Heiligabend bei der Reformierten Kirche Chur aus?

Um fünf Uhr können, die die wollen, den Familiengottesdienst in der Comanderkirche besuchen. Dieser dauert ungefähr eine Stunde und nach dem Gottesdienst kann man direkt zum Aperitif in den Comandersaal kommen. Es ist eine lieb gewonnene Tradition, dass der Bürgermeister von Chur, Andreas Brunold, mit seinen beiden Enkeln ein kleines Geschenk von der Bürgergemeinde übergibt und noch ein paar liebe Worte sagt. Danach wird miteinander eine traditionelle Weihnachtsfeier gefeiert. Eine, wie man sie im frühen 19. Jahrhundert begonnen hat zu feiern. Mit einer Lesung aus dem Lukas Evangelium nach Luther, dann diverse einstimmende Weihnachtslieder. Dazu kommt der Pianist Carlo Köhl, der uns am Klavier begleitet. Geschichten werden erzählt – humorvolle, schöne, versonnene. Jedes Jahr kocht George Pichler ein wunderbares Menü. Das servieren wir dieses Jahr mit 16 Freiwilligen. Der Unterschied zwischen Freiwilligen und Teilnehmenden ist oftmals nicht gross, denn auch erstere kommen am 24. Dezember zu uns, weil sie daheim nicht feiern.

Gibt es besondere Momente?

Auch wenn immer neue Leute dazukommen, ist das Zusammengehörigkeitsgefühl dieser Gemeinschaft grösser geworden. Da sind mir die Momente wichtig, in denen Menschen sich öffnen und mit den Leuten, mit denen sie am Tisch sind, ins Gespräch kommen. Es ist eine heitere Gemeinschaft. Ein Machtgefälle zwischen Helfenden und Teilnehmenden ist nicht spürbar.

Irgendwelche Anekdoten, die Ihnen gerade in den Sinn kommen?

Wenn ich zurückdenke, ist es für mich sicher die Spontanität. Auch schon haben zwei eine Zitter mitgebracht und darauf gespielt. Es ist wie in einer Familie, wenn die Kinder oder sonst jemand die Blockflöte in Betrieb nimmt (lacht). Es ist etwas Spontanes. Und es ist ein Moment, in dem man das Alleinsein oder die sozialen Unterschiede vergessen und einfach miteinander feiern kann.

Was sagen die Leute zum Fest?

Ein Feedback, das wir immer wieder bekommen, ist, dass der Anlass stimmig ist, obwohl er traditionell christlich ist. Und so soll es auch sein. Es soll den Menschen ein Gefühl geben, Heimat zu erleben. Im Sinne von seelischer Heimat.

Gibt es trotzdem Gründe, warum manche Menschen nicht am Fest teilnehmen wollen?

Obschon wir versuchen, dem entgegenzuwirken, gibt es Menschen, die Hemmungen haben, öffentlich zu zeigen, dass sie alleinstehend oder einsam sind. Für andere hat der Anlass zu viele Leute, was unter anderem Ängste auslösen kann.

Wie feiern Sie mit Ihrer Familie?

Seit zwölf Jahren feiert meine eigene Familie am 23. Dezember. Und dann am 24. Dezember sind meine Frau und ich im Comandersaal.

Eine Erinnerung an frühere Weihnachten?

Als frisch verheiratetes Paar, nach unserer Hochzeitsreise in Südamerika kamen wir im November nach Hause und haben am 24. Dezember gemerkt: «Oh, es ist ja Weihnachten und wir haben keinen Weihnachtsbaum.» So musste halt eine kleine Thuja vom Balkon rein und sich schmücken lassen. Später mit den Kindern haben wir so gefeiert, wie ich es als Kind mit meinen Eltern getan habe.

Weitere Informationen zum Thema gibt es im Sendungsbeitrag von Radio Südostschweiz. Redaktorin Kristina Schmid hat mit Martin Jäger-Aebi gesprochen:

Das Fest findet im Comanderzentrum an der Sennensteinstrasse 28 statt. Weiter Informationen auf: www.chur-reformiert.ch/weihnachten-fuer-alleinstehende