Glarner Ziegenhalter kritisiert SRF-Sendung
Die Fernsehsendung«SRF bi de Lüt: Wunderland – Geissentour» begeistert seit dem 9. Juni viele Zuschauerinnen und Zuschauer im heimischen Wohnzimmer. Jeden Freitagabend kann seither beobachtet werden, wie Moderatorin Nicole Berchtold mit zwei Ziegen vom Bielersee nach Nidwalden wandert, insgesamt 150 Kilometer in verschiedenen Etappen. Die tierischen Begleiter erwärmten auch das Herz des Glarner Packziegen-Halters Werner Bleisch. Doch er hat Mühe damit, wie mit ihnen umgegangen wird.
Optimale Haltungsbedingungen
Werner Bleisch verfolgte die erste ausgestrahlte Sendung des SRF-Formats gespannt. Der 61-jährige Glarner hat fast 20 Jahre Erfahrung im Umgang mit der Haltung von Packziegen. Aktuell hält er in Sool 18 kastrierte Ziegenböcke, führt ein Jurtencamp und bietet auch Erlebnispädagogische und sozialtherapeutische Angebote an: Bei ihm können Kinder die Geissen streicheln und Zeit mit ihnen verbringen. Viele Dinge seien ihm beim Schauen der Sendung daher sofort ins Auge gefallen, die andere vielleicht gar nicht bemerkt hätten, sagt Bleisch. So auch, dass die Ziegen gemeinsam mit Yaks auf einer Wiese standen. Dies sei sehr kritisch zu betrachten, denn zum einen würden die Tiere schon aufgrund ihrer verschiedenen Essgewohnheiten nicht zusammenpassen.
«Die Ziegenhaltung ist anspruchsvoll, wenn man will, dass die Ziege lange lebt», sagt Bleisch. Mit einer normalen Stallhaltung würden die Tiere vielleicht maximal acht Jahre alt werden. Ziegen bräuchten ein abwechslungsreiches Territorium und vor allem Beschäftigung. «Ich werde immer wieder gefragt, ob ich meine Geissen vermiete, aber das könnte ich ihnen nicht antun», so Bleisch. Denn für eine Ziege sei es sehr schwierig, nicht in ihrem gewohnten Umfeld zu sein. Er selbst biete seine Packziegen ebenfalls tagsüber zum Wandern an, abends wären sie aber immer zurück im heimischen Stall. Eine Ausnahme sei der Alpsommer, denn diesen würden die Ziegen gemeinsam verbringen.
Der Stolz einer Ziege
Werner Bleisch stört sich in der Sendung vor allem daran, dass die Besitzerin der Wanderziegen der Moderatorin erklärt hat, sie solle die Hörner anfassen, wenn es ihrer Ansicht nach nicht anders ginge, und es daraufhin gleich demonstrierte. Diese sind entsprechend empfindlich, da Ziegen die eigene Körpertemperatur über ihre Hörner regulieren.
Bleisch sieht das Anfassen der Ziegenhörner als ein absolutes Tabu, egal in welcher Situation: «Das ist eine grosse Ehrverletzung dem Tier gegenüber.» Es gebe genug andere Möglichkeiten, eine Ziege wenn nötig zurechtzuweisen. «Die Ziege verliert den Respekt vor dem Menschen, und die Verletzungsgefahr steigt», gibt Bleisch zu bedenken. Gerade auf einer so langen gemeinsamen Reise sei gegenseitiger Respekt aber unabdinglich. Bleisch hat die Befürchtung, dass ein im Fernsehen öffentlich ausgestrahlter fraglicher Umgang mit den Tieren zu Fehlinformationen führe.
Besitzerin weist Kritik von sich
«Ich habe ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die Ziegen es nicht mögen, an den Hörnern angepackt zu werden», erklärt Anita Hirschi. Sie ist Inhaberin des Gnadentierhofes «Zoo Zahir» in Lamboing (BE) und Besitzerin der Wanderziegen, die im SRF-Format gezeigt werden. Sie habe in der Sendung durchaus deutlich gemacht, dass dies nur im absoluten Notfall gemacht werden solle. Zudem sei das Wanderprojekt in Zusammenarbeit mit dem SRF eine Ausnahme gewesen: «Im Gegensatz zu Bleisch vermiete ich meine Ziegen nicht.» Hirschi legt ihm nahe, ihren Hof einmal selbst zu besuchen, um sich einen Eindruck zu verschaffen, der nicht ausschliesslich auf einer Fernsehsendung beruhe.
«Für mich tönt das sehr nach Wichtigtuerei, wenn man aus einer Minute Fernsehzeit herausgelesen haben will, wie die eigentliche Ziegenhaltung bei mir aussieht», sagt Anita Hirschi. Sie zeigt sich anhand Bleischs Aussagen empört. Als diplomierte Wildpflegerin halte sie seit 30 Jahren Tiere und bringe viel Erfahrung mit. Ihre Weidefläche sei mit einem Hektar sehr gross sowie abwechslungsreich und mit Holz und Steinhäufen versehen. «Ab April, wenn das Gras zu wachsen beginnt, sind die Yaks bereits auf dem Berg.» Lediglich während der Wintermonate würden sie sich die Weide teilen.
Den Aussagen von Belina Schiesser, Produzentin der Fernsehsendung «SRF bi de Lüt: Wunderland – Die Geissentour» zufolge sollen beide Wanderziegen bereits Fernseherfahrung gesammelt haben. Im Jahr 2021 standen sie neben zahlreichen anderen Tieren aus dem Zoo Hirschis im Rahmen eines mehrtägigen Drehs der Reihe «SRF bi de Lüt: echte Tierhelden» vor der Kamera.
Stress geht an Substanz
Werner Bleisch ist sich sicher, dass dem SRF bei den Recherchen schlicht nicht bewusst war, was eine artgerechte Ziegenhaltung ist. Sein erst kürzlich verstorbener Geissbock Bino spielte 2017 eine Statistenrolle in der SRF-Krimiserie «Wilder». Bleisch wolle lediglich bezüglich falscher Informationen zum Umgang mit und zur Haltung von Ziegen aufklären. Denn was ihm schlussendlich am meisten am Herzen liege, seien die Ziegen.
Bleisch bezieht sich in seiner Kritik auch auf die nächtlichen Unterbringungen der Ziegen während der Tour. Diese seien nicht immer optimal gewesen. «Dort wo die Ziegen zu Hause sind, haben sie Ruhe und können sich zurückziehen», so Bleisch. Auf einer solchen Tour kann dies über einen längeren Zeitraum nicht gewährleistet werden. Die Ziegen seien dadurch enormem Stress ausgesetzt, der an ihre Substanz gehe: «Das ist eine hohe Strapaze für die Tiere.» Wie viel Stress es für die Tiere sei, sehe man auch anhand der beiden Ziegen in der Fernsehsendung, so Bleisch: «Die schüchterne Ziege ist diejenige, welche immer zuhinterst mitläuft. Sie zögert sehr stark und viel.»
Im Austausch mit Tierärzten
Belina Schiesser gibt an, beide Wanderziegen seien während der gesamten Produktionsdauer von einem geschulten Team von Tierärzten und der Besitzerin betreut gewesen. Ebenfalls hätten weitere Mitarbeitende des Teams dafür gesorgt, dass die Ziegen während des Drehs konsequent angemessen versorgt und betreut wurden. Zudem seien Ruhepausen und Ruhetage in die Tour eingeplant worden, um sicherzustellen, dass die Tiere nicht überfordert seien. Beide Ziegen seien sehr erfahrene Wanderziegen, die mit ihrer Besitzerin regelmässig auf Wanderschaft gehen würden.