«Chat-GPT ist dumm»
Künstliche Intelligenz (KI) sei ein heisses Thema, eröffnete Barbara Haller-Rupf, Geschäftsleiterin der einladenden Academia Raetica, das Gespräch mit Pascal Kaufmann, dem Gründer von «Lab42». Dieses wurde vor einem Jahr in Davos angesiedelt und widmet sich der Erforschung von KI. Zur Vorbereitung hatte Haller Chat-GPT, die aktuell gehypte KI, zu «Resarchers Beer Davos» befragt und eine spektakulär falsche Antwort erhalten. Keine Überraschung für Kaufmann, der das System schlicht als dumm bezeichnet. «Es braucht 300 Millionen Katzenbilder, um zu lernen, eine Katze zu erkennen. Mein kleiner Sohn kann das besser.» Chat-GPT meistere auch Intelligenz-Tests bereits besser als Menschen. Dennoch, diese Art von KI basiere lediglich auf einem unglaublichen Datenvolumen. «Das ist nicht intelligent.» Intelligenz komme dann ins Spiel, wenn es eine noch nie da gewesene Situation zu meistern gelte. Und da sei der Mensch dem Rechner noch weit voraus. «Wir haben drei Gehirne», verdeutlichte Kaufmann seine Aussage. Eines sei der Instinkt, wo die Gene ungefragt das Kommando übernehmen würden. Das zweite sei die Kultur mit ihrem unermesslichen Erfahrungsschatz, der richtiges oder falsches Verhalten vorgebe. «Das dritte sitzt tatsächlich zwischen unseren Ohren und ist fähig, unheimlich viel zu lernen.» Erst wenn keiner dieser verfügbaren Wissensspeicher imstande sei, Antwort zu geben, dann brauche es Intelligenz», definierte der KI-Pionier. Anders funktionierten Programme wie Chat-GPT. Diese, nützliche und eindrückliche Resultate liefernde, «Brute-Force-Automatisation» habe mit Intelligenz aber nichts zu tun. «Deshalb suchen wir im ‹Lab42› zu verstehen, nach welchen Prinzipien das Gehirn funktioniert, und so eine tatsächlich intelligente Maschine zu schaffen.» Ähnlich wie man, nachdem man die Prinzipien des Fluges verstanden habe, dem Vogelflug überlegene Maschinen habe bauen können.
Können wir menschenähnliche Intelligenz?
Damit war man bereits in einem angeregten Austausch mit den zahlreich anwesenden Wissenschaftlern. Chat-GPT könne viele Aufgaben besser lösen als sie, meinte jemand, was Kaufmann bestätigte. Bei einem Versuch habe das Programm seine menschlichen Gegenparts auch bezüglich Kreativität geschlagen. Schlicht dadurch, dass es aus dem schier unerschöpflichen Pool an Informationen im Internet viele verschiedene Lösungen generieren konnte. Ob menschengleiche Intelligenz von einer Maschine überhaupt möglich und erstrebenswert sei, wollte da jemand wissen. Kaufmann bejahte beide Fragen. «Und ich hoffe sehr, dass der Durchbruch in der Schweiz mit ihren ethischen Regeln gelingt.» Anderenfalls wäre es eine grosse Technologiefirma oder ein asiatischer Überwachungsstaat mit unbekannter Motivation.
Wollen wir menschenähnliche Intelligenz?
Warum eine menschengleiche Intelligenz überhaupt erstrebenswert sei, wolle ein weiterer Fragesteller wissen. «Ich glaube nicht, dass acht Milliarden Menschen sich zukünftig an den Händen halten und friedlich singen werden», erwiderte Kaufmann. Das sei mit unseren «alten» Gehirnen nicht sehr wahrscheinlich. «Daher sollten wir auf das Nächstbeste bauen. Das ist KI.» Wie Kaufmann zu den Vorbehalten KI gegenüber stehe, fragte Haller daraufhin stellvertretend für viele andere. «Kann KI überhaupt unter Kontrolle gehalten werden?» Wissenschaftlicher Fortschritt könne nicht aufgehalten werden, beschied Kaufmann. Und ja, wer eine Arbeit tue, der Regeln zugrunde lägen, dessen Stelle sei tatsächlich gefährdet. An die Versammlung gewandt, ging er noch einen Schritt weiter: «Es wäre toll, wenn eine Maschine solche Arbeit ausführen würde. Das gäbe Ihnen die Freiheit, viel Interessanteres zu tun.» In seinen Augen ist es eine Notwendigkeit, Menschen von «dummer» Beschäftigung zu befreien. Gefährdet sei dabei vor allem «Wissensarbeit» wie jene der an diesem Abend versammelten Wissenschaftler, weniger manuelle Arbeit. «Physische Roboter sind viel schwieriger zu bauen.»
Kampf der Werte
Die Möglichkeiten, die solche Programme aufzeigten, hätten die wissenschaftliche Gemeinschaft erschreckt, berichtete Kaufmann weiter. Doch: «Sie verändern gerade die Welt, und wir sollten das willkommen heissen.» Welche Beschränkungen sollten diesen Programmen aber auferlegt werden, bestand Haller auf einer Antwort. «Keine», kam es überraschend. «Ich wünschte, es wäre anders, aber anderswo kümmert man sich nicht um Werte. Also müssen wir versuchen, ganz vorne mit dabei zu sein.» Das sei vergleichbar mit dem ehemaligen Rennen um atomare Nutzung, meinte jemand, und Kaufmann stimmte zu: «Nur ist es noch viel wichtiger. Wer diese Technologie beherrscht, hat das Sagen.» Denn bei der Arbeit an KI gehe es um Werte, wiederholte er und doppelte nach: «Das ist die erste Frage, die ich einer tatsächlich intelligenten Maschine stellen würde: Wie sollen wir Menschen in einer friedlichen und nachhaltigen Art zusammenleben?»