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Leben & Freizeit

Zweimal Zuhause

Bündner Woche
29.07.2023, 04:30 Uhr
heute um 12:16 Uhr

Von Lorena Tino

Bergluft. Weiter Ausblick. Natur. Erholung. Das Überqueren der Kantonsgrenze nach Graubünden bedeutet für viele Ferien. Ferien machen. Ferien geniessen. Ferienwohnung. Ein zweites Zuhause, das nie enttäuscht. Man weiss genau, was einem erwartet und worauf man sich freuen kann. Die 70er-Jahre waren es, die den Trend der Zweitwohnungen brachten. Da das Reisen teurer war, als sich ein Zweitheim zu zu tun, entstand eine Bewegung daraus. Konnte man sich den Flug in die Traumdestination also nicht leisten, suchte man sich im Heimatland einen schönen Fleck zum verweilen. Für die meisten Schweizerinnen und Schweizer sind dies die Bergregionen. Graubünden ist daher ein ganz schön grosser schöner Fleck, der zum verweilen einlädt. Meist sind es die höher gelegenen Gebiete innerhalb des Kantons, die beliebt sind. Wir sprechen von Davos/Klosters, Arosa, Lenzerheide, Surselva, Engadin … Wie gesagt wird aus dem, was anfangs eine Erholungsoase ist, ein Ferienort, der schnell auch zu einem zweiten Zuhause wird. Das heisst, man verbringt sehr viel Zeit an diesem Ort, freundet sich mit einheimischen Nachbarn und zweitheimischen Nachbarinnen an, bringt sich ein und wird Teil der Gemeinde.

Aus der Ferienwohnung wird Heimat

Zweitheimische. «Ich glaube, den Begriff gibt es so gar nicht im Duden, aber er passt einfach.» Rolf Paltzer schmunzelt bei dieser Aussage. «Genau. Es passt und ist geschlechtsneutral», ergänzt Guntram Heil. Beide sind Ausschussmitglieder der IG Zweitheimische Graubünden. Erster für Klosters, zweiter für die Region Surselva. Die IG Zweitheimische Graubünden agiert nicht in eigenem Namen, sondern dient als Austauschplattform für Zweitheimische in den verschiedenen Regionen. Mittlerweile konnten wichtige Kontakte zur Regierung und anderen entscheidungstragenden Ämtern aufgebaut werden, was für die Gemeinden von grosser Bedeutung ist. Innerhalb der Regionen gibt es eigenen IGs, die sich für den Austausch an die kantonale IG Zweitheimische Graubünden wenden können. Aktuell nutzen 14 IGs dieses Angebot. Es geht darum, Bedürfnisse der Ein- und Zweitheimischen zu vereinen. «Gemeinsam bilden Ein- und Zweitheimische das Volk und es ist wichtig, auf die Bedürfnisse des Volks einzugehen», vereinfacht Rolf Paltzer. Im Grunde sind die Bedürfnisse auf beiden Seiten dieselben. Man möchte ernst genommen werden, die Gemeinde weiterbringen und ein angenehmes Zusammenleben führen.

Das sollte nicht all zu schwierig zu erfüllen sein, jedoch klingt es einfacher als es ist. Denn nicht alle sehen sich als ein Volk, wie Rolf Paltzer es so schön erklärt hat. Für viele Einheimische aber auch für einige Zweitheimische liegt eine Feindschaft dazwischen. Und genau hier versucht die IG Zweitheimische die Hand zu reichen. Gemeinsame Lösungen zu finden, die sowohl für die Gemeinde als auch alle, die sie bewohnen, zielführend sind. Transparenz ist dafür besonders wichtig. Wenn also beispielsweise die Gebühren für die Zweitwohnungen erhöht werden, muss offengelegt werden, wofür die Abgaben benötigt werden. «Offener Austausch und Kommunikation bringen uns weiter und verhindern Feindschaften», weiss Guntram Heil.

Klar ist, an vielen Orten geht es ohne Zweitheimische nicht weiter. In rund 20 Prozent aller Bündner Gemeinden machen die Zweitheimischen einen Anteil von über 70 Prozent aus (mehr dazu in der Box «Zahlen und Fakten). Das heisst, ohne sie könnten viele Gemeinden nicht überleben. Umso wichtiger ist es also, ein harmonisches und friedliches Zusammenleben zu fördern. Bedeutend dafür ist, dass alle wissen wie und wo man sich einbringen kann und wo eben nicht. ‹Es gibt auch Situationen, in denen Zweitheimische nicht mitreden wollen müssen. Wenn man sich beispielsweise über den Bau eines neuen Schulhauses aufregt, was Zweitheimische gar nichts angeht›, steckt Rolf Paltzer die Grenzen ab.

Baugesuche, Strassenarbeiten, Gebührenerhöhungen, Landschaftsveränderungen und so weiter. All das und noch mehr führt zu Konflikten innerhalb der Gemeinden. Die Mehrheit unterstützt das, was einem selbst zugutekommt und ärgert sich über den Rest. Der Grund dafür? Pure Emotionalität. Deshalb ist es um so wichtiger, Verständnis füreinander zu haben und an einem Strang zu ziehen. Eine Vertrauensbasis erschaffen. Denn die betroffenen Gemeinden liegen am Herzen.

Endlos viele Erinnerungen

«Pure Emotionen. Für mich ist es ein Familientreffpunkt, der mit endlos vielen Erinnerungen verbunden ist. Egal ob Ovomaltine, Skilift oder wandern, wir verbinden das alles mit unserer Ferienwohnung in Klosters. Es ist einfach Heimatgefühl», schwärmt Rolf Paltzer. «Die Natur, skifahren und Freunde. Ferien machen ist für mich ein Auto und ins Bündnerland fahren. Es ist ein Perspektivenwechsel. Freunde, die ich das ganze Jahr nicht sehe, treffe ich in den Ferien in der Surselva», führt Guntram Heil die Liste weiter.

So vermischen sich die Werte von Ein- und Zweitheimischen. Für sie alle bedeuten diese Orte Heimat. Man will sie schützen und weiterbringen. An Erinnerungen festhalten und sich für Neues einbringen. Wie sie das schaffen? Gemeinsam.

www.zweitheimischegr.ch

Zahlen und Fakten

In Graubünden gibt es rund 82'000 Ferienwohnungen.

53 Prozent der Ferienwohnungen gehören Zürcherinnen und Zürchern. Die restlichen Prozente sind etwa gleichmässig auf Bewohnende der Kantone Aargau, St.Gallen, Basel, Zentralschweiz und die restliche Schweiz aufgeteilt.

3 Prozent der Eigentümerinnen und Eigentümer von Ferienwohnungen sind in Graubünden wohnhaft.

Die Zweitheimischen generien ein Drittel der touristischen Wertschöpfung im Kanton.

Der Aufenthalt in Ferienwohnungen von Zweitheimischen macht rund die Hälfte der touristischen Übernachtungen aus.

Die meisten Besitzerinnen und Besitzer von Zweitwohnungen sind heute zwischen 50 und 80 Jahre alt.

8 Prozent der Zweitwohnenden sind sonst im Ausland wohnhaft. 5 Prozent davon in Deutschland.

Als Zweitheimische oder Zweitheimischer gilt, wer das Land und die Leute im Ort kennt und zudem vielleicht schon als Kind eine Verbindung zur Destination herstellen konnte.

Die durchschnittliche Belegung der Zweitwohnungen beträgt 50 Tage im Jahr.

Quellen: Departement für Volkswirtschaft und Soziales Graubünden , WIFO Graubünden 2017, Bundesamt für Raumentwicklung, 2022

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