Von der Schwierigkeit, es allen recht zu machen
Mein Vater war mit der Kartoffelernte beschäftigt, als jemand vom See hoch gerannt kam. «Ein Lamm liegt tot in der Wiese», rief die Passantin. Mein Vater sagte, dass er gleich schauen gehe, wobei es durchaus auch sein könne, dass dieses Lamm einfach die Sonne geniesse, denn dann liegen sie schon mal so da, als wären sie tot. So war es dann auch. Als er nach der Kartoffelernte beim Mittagessen sass, klingelte das Telefon. Unser Bestandestierarzt rief an und sagte, dass ihn gerade jemand angerufen habe und gesagt hat, sie laufe gerade um den See, wo es Schafe habe. Diese hätten weder zu trinken, noch hätten sie Schatten. Gemäss Tierschutzgesetz müssen Tiere zwei Mal täglich Zugang zu frischem Wasser haben, was bei uns der Fall gewesen ist. Zudem war eine kleine Baumgruppe eingezäunt, welche Schatten gegeben hat. Also: Das Tierschutzgesetz war erfüllt. Mein Vater holte die Tiere aber dennoch in den Stall, da es ja nicht das erste Mal war, dass es Passantenmeldungen gab.
Keine zehn Minuten später rief unser Tierarzt wieder an, um zu sagen, dass sich die Passantin gerade nochmals gemeldet hätte, um zu sagen, dass sich nichts tue und sie jetzt dann die Polizei verständige. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich aber gar keine Tiere mehr auf der Weide. Wie gesagt, es ist nicht das erste Mal, dass es Passantenmeldungen gibt. In der Regel kommt sogar direkt das Amt für Tiergesundheit vorbei. Auch schon war es der Fall, dass Passanten gerade herbeikamen, als wir die Tiere nach einer Meldung in den Stall holten. Diese fragten dann, wieso die armen Tiere bei dem schönen Wetter in den Stall müssen. Wenn wir dann erklären, dass es eine Meldung gab, schütteln sie nur den Kopf.
Wie wir es machen, es ist falsch. Das grösste Problem für uns ist es, dass wir den Passanten, die solche Meldungen machen, gerne erklären würden, wie so ein Schaf funktioniert und was ein normales Verhalten ist. Leider können wir dies nicht tun, da diese Passanten anonyme Meldungen an das Amt machen können und wir keine Kontaktdaten bekommen. Viele haben zum Beispiel das Gefühl, dass etwas nicht stimmt, wenn die Schafe so dicht beisammenstehen und die Köpfe untereinander halten. Aber dies tun sie nur, um einander Schatten zu spenden, und das, obwohl es genügend Bäume in der Weide hätte.