Voller Böser Churer Seelen
von Susanne Turra
Es sind schaurige Geschichten, die man sich in der Stadt über das Tobel erzählt. Das Scaläratobel. Hoch oben im Churer Wald ist es zu finden. Vom Grat des Fürhörnli bis zur Scalärarüfi. Diesem steinigen Bachbett. Dort, wo der Sage nach Hunderte Churer Seelen für ihre üblen Taten büssen.
Dort, wo Schreie, Stöhnen und Gejammer zu hören ist. Immer und immer wieder. So laut, dass es einem durch Mark und Bein fährt. Und so machen wir uns auf, ins sagenumwobene Scaläratobel. Jenes schaurige, furchteinflössende Tobel voller armer, böser und geschändeter Seelen, die unsichtbar und dennoch spürbar sind. Und wir merken schnell: Hier gibt es (fast) kein Entrinnen mehr.
Kalt und unfreundlich bläst der Wind ins Gesicht. Wir ziehen die Kappen tiefer über die Ohren. Und gehen, leicht nach vorne gebeugt, schnellen Schrittes ab Parkplatz Kleinwaldegg in Richtung Campodelsweg. «Scalärarüfi» steht auf dem gelben Wegweiser. Alles paletti. 45 Minuten zu Fuss. Das ist machbar. Finden wir. Immerhin müssen wir diesen Weg nur einmal gehen. So, wie der Samiklaus. Dann, wenn er mit dem Schmutzli und dem Esel und seinem grossen Buch tief versteckt aus dem Fürstenwald die Kinder in der Stadt besucht. Sie lobt. Und tadelt. Ein schönes Sprüchli hört. Und Äpfel, Nüsse und Mandarinen über den Teppichboden rollen lässt. Eine schöne Vorstellung, die uns gleich ein bisschen träumen lässt. Allerdings nicht lange. Der Trampelweg rechts oben bei der grossen Campodelswiese holt uns zurück in die Realität. Kompromisslos. Unsanft. Vorbei am Scheiterhaufen geht es bergauf in Richtung Rote Platte.
Das Licht wirft seltsame Schatten auf den Boden
Es knarrt im Gehölz. Es riecht nach Schnee. Unter den Füssen raschelt das Laub. Das Licht wirft seltsame Schatten auf den Boden. Kein Tier ist zu sehen. Kein Vogel zu hören. Kein Leben zu spüren. Gespenstisch. Unheimlich. Mehr noch. Die langen, schmalen Bäume bewegen sich leicht im Wind. Fast scheint es, als tanzen sie. Lachen sie. Spotten sie. Etwa über uns? Was für ein schrecklicher Gedanke. Die Geister. Wollen sie uns locken oder vertreiben?