Viel Hilfsbereitschaft und viele Fragezeichen
«Der Bundesrat geht von rund 50 000 Menschen aus, die aus der Ukraine in die Schweiz flüchten werden», stellt der Vorsteher des Departements Gesellschaft, Gesundheit und Sicherheit Jürg Zürcher die Ausgangslage klar. Diese würden vom Bund, der zusammen mit den Kantonen für das Flüchlingswesen zuständig ist, auf die Kantone verteilt. Drei Prozent davon würden in Graubünden erwartet. Dem Verteilschlüssel gemäss würden damit etwa 90 von ihnen Davos zugeteilt. «Im Wissen, dass wegen des Jahrestreffens des WEF im Mai in Davos jedes Bett belegt sein wird, erwarten wir deren Ankunft aber erst im Juni.»
Der Kanton ist für die Unterbringung wie auch für die Integration zuständig. Da es sich bei den Flüchtenden mehrheitlich um Frauen mit Kindern handelt, könnte das bedeuten, dass plötzlich eine grössere Anzahl Kinder eingeschult werden müssten. «Kinder, die nicht in einem Durchgangszentrum untergebracht sind, werden den Schulen zugewiesen. Das bedeutet, dass man, je nach Anzahl der Kinder, zusätzliches Lehrpersonal rekrutieren muss.»
Mirko Pianta, Leiter des Gemeindeführungsstabs, sieht sich bereits mit konkreten Anfragen konfrontiert: «Schon in den ersten Tagen nach der Invasion der Ukraine meldeten sich erste Hilfsbereite wie -bedürftige.» Da die Zuständigkeiten für die Registrierung beim Bund und die Koordination für die Unterbringung wie auch die Integration beim Kanton liegen, wurden die Anfragenden an das kantonale Migrationsamt verwiesen. Der Kanton hat ausserdem eine umfassende Webseite aufgeschaltet (www.gr.ch, Info Ukraine), wo Geflüchtete alle für sie notwendigen Informationen finden. Auch wer helfen möchte, sei es mit Einsätzen, sei es mit Unterkunft, solle sich dort melden, informiert Pianta. So könne der Kanton Angebot und Nachfrage koordinieren. «Speziell wichtig ist eine Anmeldung auch für all jene, die auf privaten Wegen in die Schweiz gefunden haben oder sich schon hier befanden.» Denn mit dem Schutzstatus S sei man automatisch auch kranken- und unfallversichert. Auch der Zugang zum Arbeitsmarkt steht offen. «Die Situation ist noch sehr neu und dementsprechend sind viele Fragen offen», warnt Pianta. So etwa die Entschädigung für die Unterbringung von Geflüchteten. «Eine solche ist zwar vorgesehen. Der Kanton Graubünden legte deren Höhe aber noch nicht fest.»
Sammlung für die Ukraine
Derweil man sich auf der einen Seite auf die Ankunft von Flüchtenden vorbereitet, versucht der Verein Ukraine Hilfe Graubünden die Zurückgebliebenen tatkräftig zu unterstützen. Dazu werden an verschiedenen Standorten im Kanton Hilfsgüter gesammelt, die dann in die Ukraine transportiert werden. Drei solche Transporte haben seit Kriegsbeginn Graubünden schon verlassen, ein vierter ist unterwegs. Die Hilfsgüter werden dann inner-halb des Kriegslands feinverteilt. «Der Verein arbeitet mit der ukrainischen Botschaft in Bern zusammen und sammelt nach einer von dieser erstellen Liste», erklären die Frauen, die am Samstagvormittag auf dem Metzparkplatz Hilfsgüter entgegennehmen. Babynahrung, medizinisches Material sowie Lebensmittel werden am meisten benötigt. Entsprechend kommen laufend neue Sachspenden an. «Die Leute bringen ganze Wagenladungen voll mit extra eingekauften Dingen. Es ist schön zu sehen, welche Hilfsbereitschaft vorhanden ist.» Oft werden auch Haushaltsgegenstände gebracht, Kleider und Decken finden den Weg. «Bei den Lebensmitteln ist es wichtig, dass sie trocken und lang haltbar sind.» Bei der Babynahrung ist Pulverform besonders willkommen. Die vollständige Liste kann auf der Webseite des Vereins angeschaut werden (Link unten).
In Davos steht auf dem Metzparkplatz ein Koffercontainer, in dem die Güter sauber verpackt und bereits in kyrillischer Schrift angeschrieben auf den Weitertransport nach Chur warten, wo sie dann auf die Sattelschlepper verladen werden. «Wir werden noch bis Ostern jeweils am Mittwochnachmittag von 15 bis 18 Uhr und am Samstagmorgen von 10 bis 13 Uhr hier sein, um die Sachen entgegenzunehmen», sagen die Frauen. Ausserhalb dieser Zeit, so bitten sie, sollen keine Gegenstände deponiert werden. «Die Sammlung in Davos läuft vorläufig bis Karsamstag, 16. April.» Wie es anschliessend weitergehe, sei abhängig davon, wie sich die Situation in der Ukraine weiterentwickelt. «Wir sind auf jeden Fall hier, solange es uns braucht», versprechen sie.