Verein «Ziitbörsa ermöglicht den (Aus)Tausch
von Cindy Ziegler
Im Café «Merz» an der Rossbodenstrasse ist morgens um 9.15 schon viel los. Hinter der Theke bildet sich eine kleine Schlange, die Stühle im Café sind gut besetzt. Man legt eine Pause ein, trifft sich und tauscht sich aus. Oder aber man hat dafür keine Zeit und bestellt den Kaffee to go. Ursi Fontana sitzt an einem Tisch am Fenster, vor sich Milchkaffee in der Tasse, Wasser im Glas und Unterlagen im Sichtmäppli. Die Präsidentin des Vereins «Ziitbörsa» nimmt sich Zeit. Die ist im Verein nämlich zentral. Mehr noch. Sie ist Währung.
Das Prinzip der «Ziitbörsa» ist schnell erklärt. Die Mitglieder geben und nehmen. Sie bieten Dienstleistungen an und beziehen von anderen ebensolche. Bezahlt wird nicht mit Geld, sondern mit Zeit. Dabei ist eine Stunde immer eine Stunde. Alle Dienstleistungen sind gleichwertig. «Wichtig ist, dass der Dienst innerhalb des Vereins kompensiert wird und nicht eins zu eins», erklärt Ursi Fontana.
Die Churerin nimmt einen Schluck Kaffee. Das gibt Zeit, kurz in die Geschichte einzutauchen. Tauschhandel gibt es schon lange. Bis zur Einführung des Geldes existierte beispielsweise bei den Römern ein Tauschvertrag, bei dem die Parteien Waren von ungefähr gleichem Wert austauschten. Noch im Mittelalter überwog die Methode, dass Waren den Besitzer oder die Besitzerin wechselten, ohne dass dafür Geld bezahlt wurde. Später wurde der Tauschvertrag immer öfter mit dem Kaufvertrag ersetzt. Wenn das Geld knapp war, blieb man dennoch beim Tauschen. In den letzten Jahren erfuhren Tauschbörsen ein Revival. Denn sie entlasten nicht nur das Portemonnaie, sondern auch den Planeten.
Ein Tauschbeispiel
Ruth geht hie und da mit Frau Müllers Hund spazieren. Frau Müller zahlt Ruth nicht mit Geld, sondern bügelt die Wäsche von Herrn Muster. Herr Muster revanchiert sich, indem er Rolf eine PC-Einführung gibt. Ruth benötigt ihre Zeitgutschrift für einen Französischkurs bei Frau Bonjour. Frau Bonjour ist gehbehindert und ist froh um den Einkaufsservice, den Rolf ihr anbietet.
Bei der «Ziitbörsa» wird Arbeit nicht mit Geld bezahlt. Die Zeit, die jemand gibt, wird auf dem Konto der gebenden Person gutgeschrieben. Bezieht man dann eine Dienstleistung, wird die Zeit, die dafür in Anspruch genommen wurde, vom Konto abgezogen. Auf einer Karte wird der Saldo festgehalten. Bei der «Ziitbörsa» ist jede Tätigkeit gleichwertig. Eine Stunde ist immer eine Stunde.