Überbringer der Zeit in der Churer Martinskirche
von Laura Kessler
Dong, dong, dong. Laut klingen die Glocken der Martinskirche über der Stadt. Zehn Mal. Dann kehrt die Ruhe des Mittwochvormittages zurück. Nur wenige Menschen sind unterwegs. Die, die es sind, haben ein genaues Ziel, gehen quer über den Platz, links und rechts an der Martinskirche vorbei. Sie steht indes da. Schon lange tut sie das. Sie ist eine Konstante, zuverlässig.
Zuverlässig auch, weil sie sich jede Viertelstunde meldet. Laut und klar. Die Glocken der grössten Reformierten Kirche in Chur geben die Zeit an. Tag und Nacht, ganz sicher. Eben zuverlässig. Die Martinskirche ist damit nicht nur in ihrer Erscheinung ein Orientierungspunkt in der Stadt. Sie ist es auch wegen ihres Glockengeläuts.
Lieni Jäger
Lieni Jäger hält einen blauen Schlüssel in der Hand. «Jetzt hat's geschlagen», meint der Verantwortliche fürs Bauwesen und die Liegenschaften der Reformierten Kirche Chur wenige Augenblicke nach dem Verklingen des 10-Uhr-Schlages. Er lacht, denn ja, es hat geschlagen, es gilt ernst. Der blaue Schlüssel ist jener für den Seiteneingang, jener für den Kirchturm. Es geht entlang der schmalen Wendeltreppe hoch, Stufe um Stufe. 200 an der Zahl. Ziel ist – etwas gar schwülstig ausgedrückt – die Quelle der Zeit. Genauer das Uhrwerk und die darüber liegenden fünf Glocken.
Seit 1919 zeigt sich der Turm der Martinskirche in seiner heutigen Erscheinung mit dem spitzen Dach. Vorher wurde er einigen Renovationen und Veränderungen unterzogen. Auch die Glocken wurden es. Nicht selten, weil die Churer Bevölkerung schlicht nicht zufrieden war mit dem Aussehen von Ersterem oder dem Klang von Letzteren. Am 11. November 1841 beispielsweise lieferten die Gebrüder Theus aus Felsberg eine neue grosse Glocke an, deren Aufzug zwei Tage dauerte. Fünf Jahre später wurden drei Glocken aus Zürich geliefert. Das, weil die Churerinnen und Churer noch immer unzufrieden mit dem Klang waren. Doch auch die neuen Glocken vermochten den Geschmack der Bevölkerung nicht zu treffen. So kam es, dass 1898 fünf neue Glocken den Weg von Felsberg nach Chur fanden. Endlich. Sie klingen bis heute. Die alten klingen seither in der Regulakirche.