Über die Bergspitze hinaus – der Verlust der Biodiversität
Ein Thema, über das im Zuge der Klimakrise weniger gesprochen wird, ist die Biodiversitätskrise. Auch sie wird durch die Erwärmung befeuert. Es wird von einem sechsten Massenaussterben gesprochen. So sehen wir jetzt schon einen Rückgang von Populationsgrössen von Tieren von 68 Prozent. Doch wie ist das hier in Davos? Dazu haben wir mit Dr. Anne Kempel gesprochen. Sie forscht am WSL zu Gebirgsökosystemen und der alpinen Umwelt. Im folgenden Interview wird sie erklären, wieso Biodiversität für uns existenziell und inwiefern sie gefährdet ist.
Warum ist eine hohe Biodiversität wichtig?
Je höher die Diversität eines Ökosystems, desto höher auch seine Leistung. Gleichzeitig ist die Diversität auch eine Art Backup. Wenn eine Art in einem System ihre Funktion nicht mehr erfüllt, kann eine andere ihre Aufgaben übernehmen. Eine hohe Biodiversität ist somit quasi eine Versicherung für die Stabilität unserer Ökosysteme, und nicht zuletzt für unsere Lebensmittelversorgung.
Wir stecken in einer Biodiversitätskrise – wie zeigt sich diese in unserer Region jetzt schon?
Für den gravierenden Rückgang der Diversität, welchen wir jetzt schon sehen, ist vor allem die intensive Landnutzung verantwortlich. Darunter fällt zum Beispiel die Benutzung von Dünger und Pestiziden. Diese Mittel führen zu einem Verlust von Lebensräumen und verändern Pflanzengemeinschaften. Im Grünland zum Beispiel bewirkt eine intensivere Landnutzung, dass vor allem schnell wachsende, konkurrenzstarke Pflanzenarten überleben und spezialisiertere Arten zurückgehen. Da dies überall passiert, sehen wir schon jetzt eine Homogenisierung in der Artenzusammensetzung. Diese globalen Entwicklungen sind auch für das Insektensterben verantwortlich. Hier in den Bergen sind es noch andere Aspekte, die den Verlust der Artenvielfalt vorantreiben. Viele Wiesen werden beispielsweise nicht mehr bewirtschaftet, weshalb der Wald wieder nachwächst. Auf diesen Bergwiesen findet man aber eine hohe und sehr spezielle Flora und Fauna, die zurückgeht, wenn die Flächen aufgegeben werden. Auch wenn dieser Prozess nur langsam voranschreitet, kann er für uns spürbare Folgen haben.